Autorenvorstellung: Franz Kafka (1883-1924)

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“– Anfang aus der Verwandlung

Am heutigen Tag ist der 130. Geburtstag des deutsch-tschechischen Schriftstellers Franz Kafka, der genau wie sein schmales Œuvre als rätselhaft und zugleich faszinierend gilt. Und wenn Google und sogar das englischsprachige Wikipedia diesem Mann einen Hinweis auf der Hauptseite widmen, ist es wohl Zeit, tiefer in die Welt dieser Person einzutauchen.

Franz Kafka wurde am 03. Juli 1883 in Prag, das zu dieser Zeit zu Österreich-Ungarn gehörte, als Sohn des wohlhabenden jüdischen Kaufmanns Hermann Kafka und dessen Frau geboren. Seine zwei Brüder starben früh; außerdem besaß er noch drei Schwestern: Elli, Valli und Ottla. Zu Ottla, der Jüngsten, pflegte er zeitlebens eine enge Beziehung.

Seine Familie und er gehörten zur Minderheit der Tschechen, die Deutsch sprachen. Dieser Tatsache haben wir es zu verdanken, dass Kafka auf Deutsch schrieb. Er selbst bezeichnete einmal Deutsch als seine Muttersprache.

Ab 1901 studierte der junge Kafka Jura und ein Semester Germanistik an einer deutschsprachigen Universität in Prag, wo er seine engsten Freunde kennenlernte, darunter auch Max Brod, der ihm bis zu seinem Lebensende verbunden blieb. Nach Abschluss des Studiums arbeitete er 1906 zunächst am Landgericht, bis er zu einer Versicherung wechselte. Kafka schrieb wohl auch zu dieser Zeit schon, allerdings vernichtete er fast alle seine frühen Werke, weil er sie später für sich als „unpassend“ empfand. Das älteste erhaltene Werk ist auf 1906 datiert und trägt den Titel Beschreibung eines Kampfes.

1914 verlobte er sich mit der jungen Felice Bauer, die er im Haus seines Freund Brod kennengelernt hatte, doch die Verlobung hielt nur sechs Wochen. 1916 verlobten sie sich erneut, doch im Dezember 1917 beschloss er, die Beziehung endgültig zu beenden, vermutlich auch aufgrund seiner Tuberkulose-Erkrankung, die im selben Jahr festgestellt wurde. Kurz zuvor hatte ihn bereits die Spanische Grippe bis an den Rand des Lebens getrieben.

Kafka veröffentlichte zu Lebzeiten hauptsächlich seine Kurzgeschichten, die er zuweilen in öffentlichen Lesungen vortrug, blieb damit aber eher erfolglos. Als der Autor Carl Sternheim 1915 das Preisgeld seines Fontane-Preises an Kafka übergab, erlangte er die Aufmerksamkeit des Kurt Wolff Verlages, der in den folgenden Jahren seine Werke veröffentlichte

Im November 1918 verlobte sich Kafka mit Julie Wohryzek gegen den Willen seines Vaters. Als er im Frühjahr 1920 eine kurze, intensive Beziehung mit der Journalistin Milena Jesenská begann, trennte er sich jedoch auch von ihr.

1919 nahm Kafkas Drang zu schreiben allmählich nach. Zur Erholung von seiner Lungenkrankheit nahm er sich immer öfter Urlaub – bat sogar um eine Frühpensionierung, die ihm zunächst nicht gestattet wurde – und fährt zu verschiedenen Kuren, die ihn aber alle nicht heilen konnten.

In den letzten Monaten seines Lebens konnte Kafka kaum noch sprechen und musste sich Gesprächsblättern bedienen, um kommunizieren zu können. Er wurde von Dora Diamant, in die er sich verliebte, gepflegt und auf den letzten Schritten begleitet. Einen Monat vor seinem Geburtstag starb der Vierzigjährige am 03. Juni in Österreich an Tuberkulose.

Testamentarisch verfügte er, dass sein Freund Max Brod alle seine Prosatexte, Briefe und sonstigen Werke sowie seine drei Romanfragmente „Der Process“, „Das Schloss“ und „Der Verschollene“ vernichten soll, da sie Fragmente und für Kafka nicht würdig waren, sie zu veröffentlichen. Brod hielt sich jedoch nicht daran und veröffentlichte sie trotzdem, u.a. mit der Begründung, dass Kafka genau gewusst habe, dass Brod seinem Wunsch nicht nachkommen würde. Trotz der Fragwürdigkeit dieser Entscheidung avancierte Kafka posthum zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Autoren.

Doch was macht diesen Mann, für den ein eigenes Adjektiv erfunden wurde und der unglücklicherweise schon früh starb, so besonders? Nun, es ist wohl seine Lebensgeschichte gepaart mit seinem einzigartigen literarischen Werk.

Kafka war ein zurückhaltender, unauffälliger und mitunter auch sensibler Mann. Sein Vater dagegen war dominant und wohl wenig gefühlvoll. Das Verhältnis zwischen Sohn und Vater war daher zeitlebens unterkühlt und distanziert und wurde zu einem Grundmotiv in Kafkas Werk, vor allem in seinem eigenen hochgeschätzten Kurzgeschichte „Das Urteil“. Die negative Meinung seines Vaters über Kafkas Verlobung mit Julie Wohryzek führte zu dem bekannten „Brief mit dem Vater“, in dem Kafka seine zwiespältige Beziehung zu seinem Vater darlegt. Den Brief selbst bekam der Adressat jedoch nicht zu lesen.
Generell besaß Kafka einen kleinen, engen Freundeskreis, der sich während seines Lebens nicht grundsätzlich änderte. Bis auf die letzten Lebensmonate in Berlin mit Dora Diamant verbrachte Kafka beinahe außerdem sein ganzes Leben in Prag. Er erwog, nah Palästina auszuwandern, aber aus diese Plan wurde nichts. Seinem heimatlichen Umfeld entflohen zu sein, bezeichnet Kafka später als größten Erfolg seines Lebens.

Des Weiteren konnte sich Kafka nie entscheiden, zu heiraten und eine Familie zu gründen, wie es seine Schwestern taten. Er war dreimal verlobt, löste die Verlobungen jedoch immer wieder auf. In jenem Brief an den Vater legt Kafka dar, wieso er derartig handelte, was sich auf die folgenden Punkte reduzieren lässt: Erstens war er von einer generellen „Heiratsangst“ geprägt, zweitens wollte er nicht wie sein Vater werden (und mit einer Heirat wäre er ihm näher gekommen) und schließlich hatte das Schreiben Vorrang für ihn.

Wie kein zweiter Autor identifizierte sich Kafka mit dem Schreiben. In vielen Werken wird das Schreiben thematisch behandelt, wie beispielsweise in der Kurzgeschichte „In der Strafkolonie“, in der Gefangenen mittels eines Apparats ihre vermeintliche Strafe in Form von Zeichen auf den Rücken „geschrieben wird“. Ebenso ist es nicht verwunderlich, dass er viele private Dinge in seine Werke eingebaut hat. Oftmals tragen die Protagonisten seiner Werke Namen oder Abkürzungen, die an Kafka erinnern; ebenso sind diese wie er unverheiratet und kinderlos.

Das Schreiben war für Kafka alles, sodass sich Leben und Zukunft ihm unterordnen mussten. Ruhe und Abgeschiedenheit waren ihm von elementarer Wichtigkeit. Bevorzugt arbeitete er nachts und in Wohnungen seiner Schwestern, wo er nicht gestört wurde. Seine Hochphase ist in den 1910er Jahren anzusiedeln, in denen Kafka nebenbei Tagebuch führte und unzählige Briefe schrieb, in denen er seine Gedanken, Ideen und Auffassungen darlegte.

Infolge seiner Erkrankung wird Kafka in seinen letzten Lebensjahren von Zweifeln an der Literatur und dem Schreiben, denen er die Schuld an seinem Lebensstil gibt. In einer der vielen Kuren 1922 entsteht sein letzter Roman „Das Schloß“, das jedoch Fragment bleibt, wie seine anderen beiden Romane auch.

Kafkas Geschichten und Romane sind von der Sprache und der Handlung meist leicht zu verstehen. Das, was ihn jedoch auszeichnet und meist schwer zu erfassen macht, ist das Rätselhafte, oft auch Groteske des Inhalts, was eine Vielseitigkeit von Interpretationen zulässt. Kafka hat surreale, unwirkliche und bedrohlich wirkende Welt erschaffen, in der die agierenden Personen der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit ausgesetzt sind. Schon mit dem einleitenden Satz ist der jeweilige Protagonist verloren; es ist nur eine Frage der Zeit, bis er seinem Verderben entgegengewandelt ist. Glück gibt es nicht. Stattdessen zeigt uns Kafka die Verwundbarkeit der Personen – wie schnell man vom geschätzten Menschen und Arbeiter zum Außenseiter wird.

Weltberühmt ist der eingangs zitierte Satz aus dem Roman „Der Verwandlung“ von 1912, in der es um einen Mann geht, der sich über Nacht in einen Käfer verwandelt, von seiner Familie und dem täglichen ausgeschlossen wird und schließlich verhungert, während die Familie erleichtert aufatmet. Warum der Mann ein Käfer ist und wie dies überhaupt möglich ist, wird nicht erklärt, sondern als gegebene Tatsache hingestellt.

Ebenso ergeht es der Figur Josef K aus dem Romanfragment „Der Process“, dem eines Tages nach dem Aufwachen mitgeteilt wird, dass ein Prozess gegen ihn angestrebt wird. Den Grund dafür kann ihn keiner sagen und K ist sich keiner Schuld bewusst. Anfangs lacht er über diesen Prozess, gelangt jedoch immer tiefer in eine groteske Welt, in der Gerichtskanzleien auf Dachböden in Mietshäusern untergebracht sind. Polizei oder ein wirkliches Gericht scheint es nicht zu geben. Stattdessen wird K ein Jahr nach „Prozessbeginn“ von zwei obskurren Männern nachts abgeholt und ermordet.

Für diese Art des Schreibens, bei der laut Duden etwas „auf unergründliche Weise bedrohlich“ ist, hat sich das Wort „kafkaesk“ eingebürgert.

Kafka hat sich in seinen Werken wiederkehrenden Motiven bedient, wie Männern, die ihren Kopf herunterhängen lassen, detailreichen Beschreibungen von Kleidern, wobei sich enge Kleidung mit der Unterwerfung einer Macht interpretieren lässt, oder Sprichwörtern, die er wörtlich nimmt. Auch eine Symmetrie von Handlungen lässt sich häufig entdecken.

Zum Schluss noch ein kurzer Prosatext Kafkas mit dem Titel „Der Aufbruch“, in dem sich seine Vieldeutigkeit zeigt:

“Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wußte nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: “Wohin reitest du, Herr?” “Ich weiß es nicht”, sagte ich, “nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.” “Du kennst also dein Ziel?” fragte er. “Ja”, antwortete ich, “ich sagte es doch: ‘Weg-von-hier’, das ist mein Ziel.” “Du hast keinen Eßvorrat mit”, sagte er. “Ich brauche keinen”, sagte ich, “die Reise ist so lang, daß ich verhungern muß, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Eßvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.”

Und was denkst du dazu?