Autorenvorstellung: Novalis (1772-1801)

“Was hält noch unsre Rückkehr auf,
Die Liebsten ruhn schon lange.
Ihr Grab schließt unsern Lebenslauf,
Nun wird uns weh und bange.
Zu suchen haben wir nichts mehr –
Das Herz ist satt – die Welt ist leer.

Unendlich und geheimnisvoll
Durchströmt uns süßer Schauer –
Mir deucht, aus tiefen Fernen scholl
Ein Echo unsrer Trauer.
Die Lieben sehnen sich wohl auch
Und sandten uns der Sehnsucht Hauch.”

– Aus dem sechsten Teil der Hymnen an die Nacht (1800)

Das jugendliche Gesicht mit den großen dunklen Augen und den langen brauen Haaren blickt mild lächelnd am neugierigen Betrachter vorbei. Das Gesicht ist vollkommen faltenlos und lässt nicht erkennen, was dieser Jüngling bereits erleben musste. Es wird das einzige Bild von ihm bleiben.
Nichtsdestotrotz ist er eines der prägenden Gesichter der Romantik und verkörperte dessen Leitbilder wohl so gut wie kein anderer.

Novalis wird am 02. Mai 1772 als Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg auf dem Familiengut Oberwiederstedt im Harz als zweites von elf Kindern geboren. Das Pseudonym „Novalis“, das soviel heißt wie „Der Neuland Rodende“, gibt er sich 1798 in Anlehnung an einen alten Beinamen seiner Vorfahren.

1785 zieht er mit seiner Familie nach Weißenfels, das zeitlebens sein zentraler Ort sein wird. Der Vater arbeitet dort als Direktor der kurfürstlichen Salinendirektion, ein Beruf, den auch Novalis später ergreifen wird.

Aber auch das Schreiben ist ein Gebiet, mit dem sich der Heranwachsene beschäftigt. 1788 entstehen erste Gedichte, Aufsätze und fragmentarische Entwürfe, die mit den Themen Tod, Liebe und Natur den Weg zur späteren Romantik ebnen.

1790 besucht der junge Mann das Gymnasium in Eisleben, wo er in Kontakt mit klassischen Autoren kommt. Er beginnt er ein Jurastudium in Jena und besucht dort unter anderem auch Vorlesungen bei Friedrich Schiller (1759-1805), den er fortan trotz seiner klassisch geprägten Ansichten sehr verehrt. Im folgenen Jahr vertieft sich der Umgang der beiden; so hält Novalis während Schillers großmn Krankheitsausbruch Wache an seinem Bett. Gleichzeitig werden erste Werke von ihm in der Zeitschrift „Neuer Teutscher Merkur“ veröffentlicht.
Bereits im Herbst wechselt er an die Universität Leipzig, wo er Jura, Mathematik und Philosophie studiert.

1792 beginnt seine Freundschaft zu Friedrich Schlegel (1772-1829), einem weiteren führenden Kopf der Frühromantik. Er verliebt sich in Leipzig in Juliane Eisenstuck, doch der Vater verbindet den Umgang mit ihr.

Zwei Jahre später siedelt Novalis ins thüringische Tennstedt über, nachdem er sein Juristisches Examen bestanden hat und dort einen Posten im Verwaltungsdienst übernimmt. Im November begegnet er der zwölfjährigen Sophie von Kühn, in die er sich verliebt; bereits 1795 verloben sie sich heimlich.

Novalis wird nun Assessor bei der Salinendirektion in Weißenfels. Außerdem trifft er Fichte (1762-1814)  und Hölderlin (1770-1843) in Jena.

Sein Glück mit Sophie, der er zahlreiche Gedichte widmet, hält nicht lange. Bereits nach einer schweren Erkrankung 1796 stirbt sie am 19. März 1797. Ihr Tod nimmt den jungen Mann sehr mit; er hat Visionen an ihrem Grab und möchte ihr am liebsten „hinterhersterben“. Der Tod seines Lieblingsbruders Erasmus kaum einen Monat später führt ihm umso mehr vor Augen, wie schnell das Leben vorbei sein kann.

Fortan arbeitet er sehr produktiv; sowohl was seine Werke betrifft als auch in seinem eigentlichen “Brotberuf”.
Im gleichen Jahr trifft er August Wilhelm Schlegel (1767-1845) und Schelling (1775-1854) und begegnet Julie von Charpentier, mit der er sich im Folgejahr verlobt. Danach stehen Besuche bei Goethe (1749-1832) in Weimar und Schiller in Jena an. Auch Jean Paul (1763-1825) und Herder (1744-1803) wird er kennenlernen.

Der Kreis der Frühromantiker formt sich immer fester. 1798 erscheint das erste Heft des Athenaeums, dem Sprachrohr der Frühromantiker, mit Werken unter seinem neuen Pseudonym Novalis.

Im November 1799 kommt es in Jena zu einem mehrtägigen Treffen, das wohl als Gründungsstunde der Frühromantik angesehen werden kann. Man spricht über Werke – Novalis´Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ wird hier kontrovers diskutiert – und verbringt die Zeit miteinander. Neben Novalis sind u.a. auch Ludwig Tieck (1773-1753), die Schlegel-Brüder und Schelling anwesend.
Im Dezember ist Novalis nach zäher Arbeit am Ende seiner Karriereleiter angekommen. Er wird zum Salinenassessor und Mitglied der Salinendirektion in Weißenfels ernannt.

1800 wird zunächst noch einmal ein produktives Jahr. Er bringt den ersten Teil des Heinrich von Ofterdingen, der mit der Blauen Blume das Symbol der Romantik schuf, fertig und veröffentlicht die Hymnen an die Nacht. Im Oktober verschlechtert sich sein Gesundheitszustand jedoch so stark, dass er nicht mehr weiterarbeiten kann.

Am 25. März 1801 schließlich stirbt Novalis mit neunundzwanzig Jahren an Tuberkulose. Seine fragmentarischen Werke werden 1802 von Tieck und Schlegel herausgegeben.

Keiner wird geahnt haben, welche Welle ausgelöst wird, als im November 1799 ein Kreis Schriftsteller zusammenkommt, um über ihre Werke und neusten Pläne zu reden. Generell scheint es, dass der Osten zu dieser Zeit eine Hochburg von Intellektuellen ist. Neben den bereits erwähnten Romantikern ist Schiller nicht fern und auch Weimar mit Goethe, Wieland und Herder ist nur einen Katzensprung entfernt.

Novalis starb sehr jung und konnte das weite Ausmaß, das die Romantik noch nahm, nicht mehr erleben; bis auf die „Hymnen an die Nacht“ blieben alle seine größeren Arbeiten Fragment. Heinrich von Ofterdingen sollte als riesiges geschlossenes Werk enden und blieb doch nur beim ersten Teil. Die Lehrlinge zu Sais wurden angefangen, aber nicht vollendet. Trotzdem gehört Novalis fest dazu und hat wesentliche Motive dieser Epoche mitgeprägt.

Von Novalis stammt etwa der Satz: Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.
Damit fasst er in kurzen Worten zusammen, um was es in den Werken seines Zeitgeistes geht: Den Alltag von der Langeweile befreien, die die Aufklärung der Welt gebracht hat.

Niemanden der Frühromantiker haben die dunklen Seiten – Tod, Nacht, Trauer, Verlust (oft in Verbindung mit Liebe) – wohl mehr fasziniert wie Novalis. Wesentliches wird er dabei aus den Erfahrungen seines eigenen, schweren Lebens gezogen haben, in dem er erst seine Geliebte Sophie und dann einen Bruder verloren hat. Doch auch frühe Gedichte – wie etwa die Elegie auf einen Kirchhof, in der er den Friedhof Palästen vorzieht – zeigen, dass er sich bereits als Heranwachsender mit diesen bedrückenden, schmerzvollen Themen beschäftigt hat.
In den 1800 veröffentlichten Hymnen an die Nacht findet sein Sinn für das Dunkle in sechs Hymnen seinen Ausdruck.

Wie kein anderer steht Novalis auch für die Vermischung der Romantik mit dem Christentum. In vielen Gedichten und nicht zuletzt den Geistlichen Lieder hat er sich mit dem Glauben auseinandergesetzt. Später wurden die Romantiker von Andersdenkenden verspottet, da sie sich zurück in die „dunkle“, unterentwickelte Zeit des katholischen Mittelalters „flüchteten“.

Nicht zuletzt schuf Novalis mit der Blauen Blume im Heinrich von Ofterdingen als Zeichen von Sehnsucht, Verlangen und Liebe das Symbol der ganzen Romantik.

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