Eine kleine Ewigkeit Anreise

Nachdem wir die Packliste noch ein letztes Mal durchgegangen waren, um zu schauen, ob ich irgendwas vergessen hatte, fuhren wir um 16 Uhr nach Siegburg zum Bahnhof.

Der Abschied war leichter als gedacht, aber schon etwas hart. Rational gesehen sind zehn Monate überhaupt nicht so lang, aber in der Realität gestaltet sich das anders. Ein paar Tränen sind schon geflossen, aber sobald ich im Zug war, hatte ich mich schnell wieder im Griff.

Meinen Geigenkoffer und einen Snack in der einen Hand, meinen großen Koffer in der anderen Hand und meinen schweren Rucksack auf dem Rücken stand ich nun im Zug auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen. Da die Fahrt nur 40 Minuten dauerte, machte ich mir nicht die Mühe, mir einen Sitzplatz zu suchen. Sitzen würde ich noch im Flugzeug genug. Ich stellte mein Gepäck ab und betrachtete durch die Türfenster noch ein letztes Mal Deutschland. Neben der Tür hing eine Deutschlandkarte, die ich auch noch einmal inspizierte. Mit fiel auf, dass ich mit meinen Geografiekenntnissen wahrscheinlich kaum mehr über die Lage von Städten in Deutschland wusste als über die in Tansania. Traurigerweise.

Als der Zug in Siegburg hielt, schleppte ich mein Gepäck mehrere (Roll-)Treppen rauf und runter, bis ich schließlich vier Leute unserer Gruppe am Schalter traf. Nach und nach trudelten immer mehr Mitfreiwillige ein. Wir begrüßten uns herzlich und unterhielten uns über unsere Gefühlszustände, die von Trauer über große Aufregung zu Euphorie reichten. Seltsamerweise war ich weder traurig, noch besonders aufgeregt oder gar euphorisch. Ich war irgendwie neutral. Ließ die Dinge auf mich zukommen.

Nach ewigem Anstehen am Schalter und der Handgepäckkontrolle und nach Warten am Gate (ich kaufte noch ein letztes Mal ein Lachsbaguette, was ich mit Nadja und einer unserer Leiterinnen Brigitte teilte) setzen wir uns für einen sechsstündigen Flug nach Äthiopien ins Flugzeug. Dort verbrachten wir die Zeit mit einer Mischung aus schlafen und wachen, Unterhaltungen und Filme schauen. Ich sah mir Tomorrowland an, ein Dystopiefilm, von dem ich noch gar nicht gehört hatte (er war ganz gut, wenn auch typisch Disney). Wirklich schlafen konnte ich nicht, da ich einfach keine gemütliche Position finde konnte. Aber wir hatten ja auch noch genug Gelegenheiten zum Schlafen vor uns.

In Äthiopien hatten wir nämlich vier Stunden Wartezeit. Nadja und ich suchten uns Liegen, die sehr gemütlich waren. Dort schliefen wir erst einmal zwei Stunden (leider sind wir aber im halbstündigen Takt immer wieder aufgewacht). Dann galt es wieder unsere schweren Rucksäcke zu schleppen und bei der Handgepäckkontrolle anzustehen, um den nächsten Flug nach Dar-es-Salaam zu nehmen. Dieser dauerte etwa drei Stunden. Dort schliefen die meisten auch etwas mehr.

Als wir in Dar-es-Salaam aus dem Flugzeug stiegen, schwallte uns eine feuchte Hitze entgegen. Tatsächlich fand ich die Temperatur ganz angenehm; für mich fühlte es sich nicht wie 35° C an. Dazu wehte über den Flughafen ein kühler, erfrischender Wind. Als wir allerdings das Gebäude betraten, änderte sich das schnell. Die Ankunftshalle war sehr klein und viele Menschen drängten sich um die Tresen, an denen man erst einmal Daten aus dem Reisepass und die Adresse des Zielortes eintragen musste. Danach nahm ein Mann unsere Reisepässe zusammen mit je einem Antrag für ein Visum mit Passfoto, Workpermit und 50$. Gefühlte Stunden mussten wir in der schwülen, stickigen Hitze warten, bis der Mann im 5-Minuten-Takt immer mit je einem bis drei Reisepässen wiederkam. Sobald man seinen Reisepass hatte, musste man noch seine Fingerabdrücke aufnehmen lassen, dann konnte man das Gepäck holen. Bis alle drüben waren, dauerte es ziemlich lange. Nach einer letzten Gepäckkontrolle konnten wir endlich den Flughafen verlassen, wo uns Bwana Roman und zwei andere Mentoren schon herzlich begrüßten. Sie führten uns zu zwei kleinen, etwas schäbigen Bussen. Einer wurde mit Gepäck beladen, der andere mit uns. Wir erhielten eine Flasche Wasser und dann ging die lange Busfahrt los.

Zunächst fuhren wir zur Tankstelle, wo wir einen zwanzigminütigen Halt machten, um zu tanken und Erdnüsse zu kaufen. Schon hier wurde uns bewusst, dass hier alles einfach ein wenig länger dauerte. Dann fuhren wir etwa eineinhalb Stunden zum Agape Center in Dar-es-Salaam, wo wir kurz ausstiegen und die anderen Mentoren begrüßten. Ein paar der Mentoren stiegen dazu.

Nun folgte die vierstündige Busfahrt, die mir viel länger vorkam als die bisherige gesamte Reise zusammen. Obwohl ich einige Zeit schlief, las und aus dem Fenster schaute, schienen die Stunden einfach nicht zu vergehen. Der Bus ratterte gefährlich von einer Seite zur anderen schwankend über die holprigen, teilweise unbefestigten Straßen, während der Boden des Busses unheilvoll knarrte. Dauernd wurde gehupt, sodass man sowieso ständig aufwachte, wenn man schlafen wollte. Ab 19 Uhr wurde es dunkel, um 19:30 Uhr war es stockduster. Während ich hoffte, nicht von einer Mücke gestochen zu werden, da ich keine Malariaprophylaxe nahm, wurde schon das Mückenspray herumgereicht.

Schon während der Busfahrt wurden die großen Unterschiede im Lebensstandard zwischen Deutschland und Tansania klar. Zwischen Palmen, Mangobäumen und Sträuchern standen immer wieder vereinzelt Häuser. Die luxuriösesten waren aus Beton mit abgeplatztem Putz und verrosteten Wellblechdächern. Dazwischen gab es Lehmhütten, bei denen ab und zu ein paar Stöcke aus der Wand herausstachen. Überall lag Müll: Flaschen, Tüten, Papier. Mülleimer gab es draußen nicht. Die Menschen waren draußen in kleinen Grüppchen versammelt, immer wieder winkten uns Leute und lachten begeistert.

Schließlich und endlich kamen wir um 21:30 Uhr (am nächsten Tag) in Morogoro an, wo wir eine Weile draußen standen, bis die Mentorin Emma bzw. Mama Gloria, wie man hier sagt (Mama + Name des ersten Kindes), uns unsere Zimmer zeigte. Auch hier ist es im Vergleich zu Deutschland ziemlich heruntergekommen. Die Wände sind unregelmäßig gestrichen und schon sehr alt, der Boden ist auch mit glänzender Farbe gestrichen, allerdings schon an vielen Stellen gar nicht mehr zu erkennen. In den Zimmern gibt es Moskitonetze über jedem Bett, meins hatte allerdings drei riesige Löcher (an den Fenstern sind aber auch Moskitonetze). Im Moment funktioniert das Wasser auch nicht, sodass wir uns mit Regenwasser waschen müssen. Das wird mir aber wohl noch viele Male passieren in meiner Einsatzstelle. (Und das alles sage ich ohne negative Wertung! Ich habe erst überlegt, ob ich es überhaupt schreiben soll, aber ich will ja alles so darstellen, wie es wirklich ist, sonst hätte dieser Blog wohl keinen Sinn…)

Es ist wirklich ein großer Unterschied zu Deutschland. Aber deswegen bin ich ja hier! Um mal ganz anders zu leben. Und es ist trotzdem richtig schön hier. Auch die Landschaft ist wunderschön mit all den Palmen, Mangobäumen und Bananenstauden. Rechts von unserem Haus liegt ein großer, bewaldeter Berg, der zum besteigen verleitet (allerdings ist er viel zu steil und hoch, um einfach mal so bestiegen werden zu können).

Nachdem ich mich mit dem Waschlappen gewaschen hatte, fiel ich nur noch ins Bett und dachte mir, noch nie gemütlicher gelegen zu haben. Nicht nur wegen der langen Reise, die Matratze ist wirklich sehr gemütlich!

Ich bin froh, endlich hier zu sein und bin sehr gespannt, was mich in der Einsatzstelle erwarten wird. Am Montag geht es los! Bis dahin bleiben wir erst einmal in Morogoro für das Inkulturationsseminar, das aber zum Glück entspannter ist als die anderen Seminare. Mittlerweile habe ich schon etwas Angst, so komplett alleine zu gehen… Aber wahrscheinlich stelle ich mir das alles schlimmer vor als es ist. :)

Und was denkst du dazu?