Epochenüberblick 5: Weimarer Klassik (1786-1805) – Antike Ideale

Iphigenie: O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen.
Thoas: Du forderst viel in einer kurzen Zeit.
Iphigenie: Um Gut’s zu tun braucht’s keiner Überlegung.
Thoas: Sehr viel! Denn auch dem Guten folgt das Übel.
Iphigenie: Der Zweifel ist’s, der Gutes böse macht.
Bedenke nicht; gewähre, wie du’s fühlst.
– Ausschnitt aus: Iphigenie auf Tauris (1787)

Die Weimarer Klassik ist eine besondere Epoche, denn wie der Name schon sagt, ging sie von dem Ort Weimar im heutigen Thüringen aus und wurde im Grunde nur von zwei Männern getragen, die wir bereits aus einer anderen Epoche kennen: Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805). Hin und wieder werden auch Christoph Martin Wieland (1733-1713) und Johann Gottfried Herder (1744-1803) dazu genommen, aber im Grunde waren es nur die erstgenannten, die die Literatur einer ganzen Epoche prägten. Herder war Theologe und hat vor allem philosophische Texte verfasst, Wieland war bereits ein erfolgreicher Autor der Aufklärung.

Wie kam es dazu? Um das zu verstehen, muss man sich ein wenig mit den geschichtlichen Umständen befassen.
Die Weimarer Klassik nimmt sich genau wie die Renaissance im 15./16. Jahrhundert die Antike zum Vorbild, die den Beweis für die Möglichkeit einer besseren Welt darstellte. Einen großen Anteil daran hat der Archäologe und Autor Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), dessen ästhetische Betrachtungen der griechischen Kunst Grundlage der deutschen Klassik wurden.

Die Französische Revolution (1789-1799) praktisch das zentrale Ereignis, durch das die Klassik und allgemein das Leben in Deutschland beeinflusst wurde. Während sich anfangs viele noch begeistert vom Aufstand des Volkes zeigten, wandelten sich die Meinungen nach der Exekution des Königs und dem folgenden Großen Terror.
Die Klassik sah den Menschen als noch nicht bereit an für solche gesellschaftlichen Umwälzungen. Vielmehr musste er erst gemäß dem klassischen Ideal erzogen und zum veredelten Menschen gemacht werden, damit er – fernab jeglicher Gewalt – seinen Wunsch nach Freiheit umsetzen kann. Dies sollte mittels der Idealisierung erfolgen. Die Wirklichkeit sollte schöner, vollkommener und makelloser gestaltet werden, als sie es tatsächlich ist, um so das Allgemeine bzw. die Idee in ihr zu entdecken. Durch die Betrachtung des Schönen wird der Mensch dann an das Wahre und Gute, und zu einem veredelten Charakter geführt.

Das Ideal der klassischen Werke sah das Streben nach Wahrheit, Harmonie und Gewaltlosigkeit vor. Konflikte sollten durch die Kraft der Worte, Menschlichkeit und Toleranz beigelegt werden. Ein sehr beispielhaftes Werk dafür ist Goethes „Iphigenie auf Tauris“ (1787), ein aus der antike adaptierter Mythos, in denen ein Streit eben nicht mit Blut und Schwert entschieden wird, sondern mit Worten.
Gefühle waren durchaus erlaubt, nur sollten sie nicht so übermäßig und hitzig sein wie im Sturm und Drang. Man bemerkt die Verwandtschaft zur Aufklärung, ging es doch beiden Epochen um die Erziehung und Belehrung des Menschen. Die Klassik wollte die Errungenschaften der Aufklärung fortsetzen.

Viele Themen der zahlreichen Gedichte, Balladen und Dramen wurden von antiken Sagen übernommen, wie bei Schillers Bürgschaft (1798), oder daran angelehnt wie bei „Die Braut von Messina“ (1803). Ansonsten war es besonders Schiller, der philosophische Abhandlungen schrieb, die sich mit der Ästhetik auseinandersetzen und sich stark an das klassische Ideal anlehnen.
Aber nicht nur aus der Antike wurden Themen übernommen, auch historische Persönlichkeiten wurden in Werken verewigt. Bei Goethe waren dies der italienische Dichter Torquato Tasso (1790), bei Schiller der General Wallenstein aus dem Dreißigjährigen Krieg (1799), die schottische Königin Maria Stuart (1800), die Jungfrau von Orleans (1801) und der Schweizer Freiheitskämpfer Wilhelm Tell (1803/04).

Gemeinsam hatten diese Dramen vor allem den Stil: Sie wurden im Versmaß verfasst, das als schön, reglementiert und ästhetisch empfunden wurde. Im Gegensatz zur „einfachen“, natürlichen Prosa sollte es ein hohes Sprachniveau ausdrücken, das begrenzt auf das Wesentliche ist. Die Figuren auf der Bühne wurden zu idealen Repräsentanten.
Das verwendete Versmaß war überwiegend der Blankvers, ein fünfhebiger Jambus ohne Endreim. Es wurde versucht, die antiken Verse nachzuahmen, die keinen Reim kannten und auf Hebungen und Senkungen beruhten. Literatur und Kunst wirkten somit als Vorbilder, die erstrebenswerten Zustände darstellen.

Wie kamen diese beiden Männer aber nun nach Weimar? Nach Goethes einschlagendem Erfolg seines Werthers 1774, der ihn praktisch über Nacht in ganz Europa bekannt machte, bekam er 1775 das Angebot von Anna Amalia, der damaligen Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach, als Erzieher für ihren Sohn und künftigen Nachfolger Carl August als Erzieher tätig zu sein. Goethe, der bis dahin als Jurist tätig war, ein Beruf, der ihm nicht besonders gefiel, nahm das Angebot an, verließ seine Heimat Frankfurt und reiste Richtung Weimar, das damals bereits als Kulturstätte bekannt war. Dort verlebten er und sein neuer Freund Carl August noch ein paar Sturm und Drang Jahre, bis letzterer das Regierungsgeschäft übernahm und Goethe als seinen Minister einberief. Dadurch war der stürmischen Zeit ein Ende gesetzt, denn die Arbeit als Minister verlangte viel Zeit und Arbeit. Goethe wurde das irgendwann zu viel und ließ sich von seinen Posten befreien. Er floh 1786 nach Italien, wo er zwei Jahre lebte und mit den antiken Bauwerken und der südlichen Lebensweise in Kontakt kam. Dieser Eindruck hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei ihm sodass er sich fortan mehr der Antike widmete.

Der zehn Jahre jüngere Schiller, dessen frühes Leben sich mehr wie ein Abenteuerroman, der von Ausbrüchen, Flucht und Angst vor dem Entdeckt werden geprägt ist, liest, arbeitete gerade noch an seinem Medizinstudium, als Goethe bereits ein angesehener Mann in Weimar war. Nachdem Schiller mit dem Studium fertig war und der Militärakademie in Stuttgart entfloh, arbeitete er zunächst einige Jahre als Dichter am Mannheimer Theater, ehe er, bewegt durch den Brief eines Verehrers, 1785 nach Leipzig reiste. Schiller kannte Goethe natürlich und spätestens seit dessen Erfolg mit den Räubern kannte Goethe ihn auch, nur zunächst kam es zu keiner Freundschaft der beiden. Erst 1794 kamen sie sich näher und fortan entstand und wuchs eine durchaus produktive Freundschaft, die zahlreiche Balladen, Gedichte und die gemeinsamen Xenien hervorbrachte.

1805 starb Schiller, der sein ganzes Leben lang von Krankheiten verfolgt wurde, plötzlich, sodass die Zeit der Weimarer Klassik abrupt endete. Goethe schrieb natürlich auch weiterhin, „Die Wahlverwandtschaften“ (1809) etwa oder „Faust“ (1808/1832), aber diese Werke lassen sich nicht eindeutig der Klassik oder einer anderen Epoche zuordnen. Genauso wie der Sturm und Drang war die Weimarer Klassik für ihn nur ein Lebensabschnitt.

Neben den beiden gab es natürlich noch andere Autoren, die sich mit der römisch-griechischen Antike beschäftigten, auch wenn diese nicht speziell zu Epoche gerechnet werden. Einer der bekanntesten ist sicherlich Johann Heinrich Voß (1751-1826), der die Werke Homers übersetzte.

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