Halloween Special: Unsterbliche Geister

“Wenn wir nun als Künstler Bilder schaffen oder als Denker Gesetze suchen und Gedanken formulieren, so tun wir es, um doch irgendetwas aus dem großen Totentanz zu retten, etwas hinzustellen, was längere Dauer hat als wir selbst.” aus Narziß und Goldmund

 

Mit unregelmäßigem Atem wandele ich durch den nächtlichen Wald. In der fernen Stadt feiert man gerade Halloween, dieses absurde Fest, das man aus fremden Lande übernahm. Bettler werden verachtet, aber sobald verkleidete Kinder die Hand ausstrecken und drohen, ihre Scherze zu treiben, wenn man nicht die gewünschten Süßigkeiten herausrückt, gibt man gerne. Es sind ja Kinder.

Es ist dunkel und bis auf die Taschenlampe, die ich mit mir führe, gibt es kein Licht im Wald. Am Himmel wabern Wolken umher und geben den Blick auf den funkelnden Sternenhimmel frei, aber den Mond sehe ich nicht. Mein Weg ist gesäumt von lose stehenden Laubbäumen, deren Blätter bereits zu Boden gefallen sind und ein Knacksen von sich geben, wenn ich durch sie wate. Ein kühler Windzug begleitet mich, der das Geräusch von Zirpen an meine Ohren trägt. Ich fürchte mich nicht vor dieser Gegend, nicht mehr seit dem Ereignis Anfang des Jahres.

Im beginnenden Frühling verlor ich einen Freund durch einen schrecklichen Vorfall in diesem Wald. Fürchterlich hatten wir uns gestritten, weshalb ich in den Wald und in die Arme eines grauen, bösartigen Mannes lief, der drohte, mich zu töten. Mein Freund zögerte keine Sekunde und stellte sich mit seinem Herzen voller Mut vor mich. O diese fürchterlichen Schreie! Diese Schreie, während der Fremde ihm tiefe Schnitte an den Armen zufügte, wie das Blut hervorquoll und in langsamen Rinnsalen nach unten lief, wo es sich über seinen angespannten Fäusten sammelte. Ich hörte ihn schreien und rannte feige weg, um Hilfe zu holen, so wie er es befahl. Der Mann konnte verhaftet werden, aber sein Leben war der Preis dafür. Er starb, um mich zu retten.

Nein, ich habe keine Angst vor diesem Wald, vor der Kälte, die aber und abermals durch meine
Kleider fährt, und vor den unerklärlichen Geräuschen, die aus dem unüberblickbaren Baumdickicht jederzeit zu mir dringen, denn ich habe ein Ziel, ein festes Ziel, weshalb ich in der Dunkelheit dieses Gebiet aufsuche. Während andere einen Brauch zelebrieren, nutze ich diese einmalige Nacht, die jedes Jahr nur einmal wiederkehrt, um ihn zu besuchen und ihm sagen zu können, wie gern ich ihn hatte – trotz unseres Streits.

Viel zu lange habe ich auf diesen Tag gewartet, an dem die Geister der Toten auferstehen, sodass sie für uns sichtbar werden. Ich weiß, dass dies möglich ist, denn vor vielen Jahren begegnete mir am Tag vor Allerheiligen ein alter Mann, von dem ich weiß, dass er in seinem Leben einen teuflischen Pakt geschlossen hatte. Kein Wort drang aus seiner Kehle hervor, auch eine Berührung blieb mir versagt. Dafür winkte mir die schemenhafte Gestalt, ehe sie verschwand. Und heute möchte ich meinen Freund sehen.

Langsam schlendere ich fort, schlage neue Wege ein und werfe aufmerksame Blicke um mich herum, um sehen zu können, ob sich jemand bei mir befindet. Bald komme ich an die Stelle, an der mein Vertrauter zu Tode kam, aber nichts erinnert mehr an jenen Vorfall. Die Blätter überdecken den geschändeten Boden, der von seinem Blut getränkt wurde, auf dem er tot zusammensank. Mit ungutem Gefühl denke ich an all die schlaflosen Nächte zurück, in denen ich zitterte und vor Angst schrie und mich vor den dunklen Abbildungen an den Wänden fürchtete. In diesem Augenblick wirbelt ein scharfer Windstoß die Blätter in die Luft, weshalb ich mich erwartungsvoll umdrehe. Bis auf die kahlen Baumstämme ist nichts zu erkennen. Ich seufze, obwohl ich weiß, dass man nichts erzwingen kann.

Erneut ändere ich die Richtung und komme in ein Gebiet, in dem die Bäume in größerer Entfernung zueinander stehen. Ich schließe die Augen und rufe mir den flehenden Blick meines Vertrautens ins Gedächtnis, der mir befahl, schnellstmöglich in die Stadt zurückzurennen. Ein Handy hatten wir beide nicht bei uns gehabt, denn wir folgten nicht der Mode unserer Generation. Im Wald hätte es ohnehin keinen Empfang gegeben. In seinen schwarzen Augen hat ein Schimmern gelegen, ein kleiner Funke Hoffnung keimte in ihnen, an den ich mich noch genau erinnere, der in dem Moment starb, als das Messer zum letzten Mal zustach.

Da ich spüre, wie meine Beine zu schmerzen beginnen, spähe ich nach einem Platz, an dem ich mich ausruhen kann. Gerade als ich in hundert Metern Entfernung am Wegesrand eine Bank entdeckt habe, bemerke ich zur selben Zeit, dass jemand in blauem Gewand und gelben Beinkleidern auf ihr sitzt. Den Schmerz ignorierend suche ich diese Person auf, an dessen nebelhafter Erscheinung ich sie sofort als Geist identifiziere, und rufe ihr etwas zu. Der Geist springt stürmisch auf und macht scheu einige Schritte nach hinten. Ich hingegen erkenne den vielbeweinten Schatten und signalisiere lächelnd, dass ich ihm nichts tun will, worauf er stehen bleibt. Vorsichtig trete ich an den Jüngling heran und schaue schweigend in sein Gesicht, ohne seiner unübersehbaren Wunde zu viel Aufmerksamkeit zu widmen, und nehme trotz der blutleeren Augen seinen hartnäckig schmerzhaften Ausdruck wahr. Auch er betrachtet mich neugierig. Vergebens versuche ich sein Gesicht zu berühren und bedauere es, dass er nicht spricht, obwohl ich weiß, dass zu viele Worte bereits aus seinem Munde geflossen sind. Ich weiß, dass er meine Sprache versteht und bringe vorsichtig meine Bitte vor, mir Auskunft zu erteilen, was aus meinem Vertrauten geworden ist, aber an seiner plötzlichen Abwendung meine ich zu erkennen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Sofort bereue ich meine Tat. Wie kann ich ihn mit meinen Problemen belästigen? Hilflos versuche ich mich zu entschuldigen, doch der junge Mann scheint nicht wütend zu sein, vielmehr bedeutet er mir, ihm zu folgen. Erstaunt rufe ich ihm zu, dass man gerade seinem Pfad besser nicht folgen sollte, woraufhin er seinen Mund zum ersten Mal zu einem Lächeln verzieht.

Ich bleibe stumm, während ich neben dem Jüngling herlaufe. Er blickt meistens nach vorne, ab und zu auch zu mir, und behält seinen unruhigen Gang bei. Noch nie habe ich ihn persönlich getroffen und trotzdem glaube ich, ihn genau zu kennen, wenn ich ihn betrachte. Wohin er mich führt, vermag ich nicht zu sagen. Geduldig und mit klopfendem Herzen gehe ich weiter, bis plötzlich weitere neue Geister auf beiden Seiten des Weges auftauchen. Ich sehe einen jungen Mann, der eine blaue Blume in Händen hält, daneben zwei Liebende, deren Gesichter durch das Gift, das sie gemeinsam einnahmen, völlig mimiklos sind. Dahinter sitzt eine junge Frau, die durch des Vaters Hand starb, nicht weit entfernt steht ein buckliger Mann unter einer Buche und direkt am Wegesrand winkt ein anderer, von dem ich weiß, dass er Edgar heißt, meiner Begleitung wild zu. Verwirrt sehe ich nach rechts und erblicke einen Jugendlichen, dessen aufgedunsener, nasser Körper seine Todesursache verrät, neben einem Mann, der einen Schimmel reitet. Überall werden nun Geister sichtbar, stillstehend, sich bewegend, fröhlich, betrübt,  in weiterer Entfernung auch Personen, die mir unbekannt sind.

Der Jüngling, der mich unentwegt an den Geistern vorbei geführt hat, bleibt am Ende des Weges vor mir stehen und wartet auf meine Reaktion. Ich nicke. Längst habe ich verstanden, was er mir zeigen wollte. Mein Freund, genauso wie alle anderen verstorbenen Menschen, sind tot und bleiben es, aber sie, diese Geister und Schatten, wurden geschaffen, um ewig unter uns zu wandeln. Mit dieser Einsicht verblassen die Gestalten und zuletzt auch der Jüngling. Doch ganz verschwinden werden sie nie.

Und was denkst du dazu?