“Helden auf der Couch” – Ein Gang durch die Literatur aus psychologischer Sicht

Wer kennt nicht dieses Gefühl? Man liest ein Buch und sieht, wie die Figuren – aus vollkommen banalen Gründen – langsam aber sicher ihrem Untergang entgegentaumeln. Man möchte ihnen ihre Fehler zurufen, sie vor ihrem Unglück bewahren, doch das funktioniert natürlich nicht. Am Ende sind im schlimmsten Fall Beziehungen zerstört und Figuren tot, während man selbst kopfschüttelnd zurückbleibt.

Natürlich: Literatur¹ ist darauf ausgelegt, genau solche Geschichten zu erzählen – von fehlender oder missglückter Kommunikation, von labilen Persönlichkeiten beziehungsweise ganz allgemein vom nicht immer verständlichen Agieren von Menschen. Über perfekte Beziehungen will niemand etwas lesen. Wir wollen psychologisch interessante Charaktere, von denen wir womöglich etwas über uns bzw. über die Werte einer Epoche lernen können, wollen sehen, wie Figuren Konflikte angehen und sie im Idealfall zum Positiven lösen.

An diesem Punkt setzen die beiden Autorinnen Claudia Hochbrunn und Andrea Bottlinger in ihrem 2019 bei Rowohlt erschienenen Buch „Helden auf der Couch. Von Werther bis Harry Potter. Ein psychiatrischer Streifzug durch die Literaturgeschichte“ an.

Hochbrunn (Fachärztin für Psychiatrie und Psychotheorie) und Bottlinger (Lektorin und Übersetzerin) begeben sich auf einen Gang durch die westliche Literaturgeschichte und nehmen sich einigen sehr interessanten, psychologisch auffälligen Figuren an. Dabei stellen sie sich auf humorvolle Weise die Frage: Welche charakterlichen Auffälligkeiten weisen diese Figuren auf? Und was wäre, hätten sie sich rechtzeitig in eine Psychotherapie begeben? Angefangen bei dem antiken Stück „Ödipus“ bis hin zu „Fifty Shades of Grey“ werden Werke verschiedener Gattungen (mit dem Schwerpunkt auf erzählender Literatur) durchforstet und die entsprechenden Hauptfiguren – sofern das möglich ist – psychologisch analysiert.

Da wäre zum Beispiel Romeo als Musterbeispiel für einen gescheiterten Narzissten, Werther als vermutlich auswegloser Fall für eine Psychotherapie, Gregor Samsa als abhängig-vermeidende Persönlichkeit, Harry Potter, der trotz Vernachlässigung und Benachteiligung in seiner Kindheit einen starken Charakter entwickelt hat und es schafft, aus seinen Schwächen Stärken werden zu lassen (im Gegensatz zu seinem Cousin), und viele mehr.

Auf den ersten Blick sind das alles nur männliche Figuren – wo sind die Heldinnen (im Buchtitel)? Ja, auch weibliche Figuren werden behandelt. Doch wenn sie (in den behandelten Werken) vorkommen, dann zumeist als Nebenfiguren, die als Projektionsfläche für die unterschiedlichen Illusionen des Protagonisten dienen, unterdrückt und oft genug Opfer der Handlungen der Protagonisten werden. Die beiden Autorinnen machen damit darauf aufmerksam, wie die Literatur jahrhundertelang von männlichen Protagonisten dominiert wurde. Aber, und darum passt der Titel dann doch wieder, nur wenige von diesen Figuren würden nach Meinung der Autorinnen eine Psychotherapie überhaupt benötigen: Egal ob Lucy (eine Nebenfigur aus Dracula), Hermine (Harry Potter) oder Bella (Twilight) – sie alle werden als psychisch gesunde und z. T. starke, emanzipierte Persönlichkeiten bewertet.

Das Buch schafft es meines Erachtens sehr gut, die Verbindung zwischen Literatur und Psychologie zu finden, ohne zu sehr in die eine oder andere Richtung zu verfallen (und dann für Leser/innen ggf. langweilig zu werden). Man muss weder belesener Literaturprofi sein noch Psychologie studiert haben, um das Buch zu verstehen. Vorangestellt ist jedem Kapitel eine kurze Inhaltsangabe des jeweiligen Werks und unbekannte Begriffe aus der Psychotherapie werden erklärt. Den Analysen muss man übrigens keineswegs vorbehaltlos zustimmen. Die ein oder andere Aussage sehe ich durchaus kritisch, auch würde ich manche Fälle anders bewerten. Grundsätzlich ermöglichen sie aber auf amüsante und aktuelle Weise (so werden etwa Trump und der Brexit erwähnt)² eine etwas andere Blickweise auf Figuren und ihre Handlungen und ergeben einen super Gesprächsstoff, wenn man sich mal wieder über Literatur unterhalten möchte.

Das Bild, das ich von „Romeo und Julia“ hatte (ein Stück, dem ich neutral gegenüberstehe), hat sich etwa nachhaltig geändert, wenn es über die Beziehung der Hauptfiguren heißt:
„Wie man es auch dreht und wendet – Romeo und Julia wären niemals glücklich miteinander geworden. […] Tatsächlich war die Liebe von Romeo und Julia nicht unglücklich, weil sie am Ende dafür starben. In Wahrheit war sie unglücklich, weil die beiden einander gar nicht als Menschen liebten, sondern einem unerreichbaren Ideal hinterherliefen. Vor diesem Hintergrund sollte man sich also hüten, seine Liebe mit der von Romeo und Julia zu vergleichen, denn es ist keine tiefe, edle Liebe bis in den Tod, sondern lediglich die Verliebtheit in die Illusion der Liebe selbst. (S. 59f.)
Das sind keine gewiss keine hochbrisanten Neuigkeiten;³ vermutlich beginnt jede wissenschaftliche Abhandlung über das Stück mit diesem Fakt. Aber es ist ungemein spannend, diesen Befund aus psychologischer Sicht zu betrachten.

„Helden auf der Couch“ beschränkt sich nun nicht auf die allein schon amüsante Idee, Figuren auf Sigmund Freuds berühmte Therapiecouch zu legen. Die Autorinnen zeigen auf, dass manche alltäglichen Probleme, Fragen und Gegenstände mit Konfliktpotenzial alle Zeiten und kulturellen Unterschiede überdauern, wodurch selbst jahrtausende alte Texte noch relevant sein können. Immer wieder stellt sich die Frage: Wie werden diese Probleme zu welcher Zeit bewältigt? Wo heute Computerspiele und Smartphones als Verderber der Tugend verteufelt werden, waren es vor Hunderten von Jahren erst der Buchdruck und später das Romanlesen. Manche Dinge ändern sich eben nie.

Auch machen sie deutlich, wie essenziell eine gute Erziehung und liebevolle Bindung an die Eltern für die spätere psychische Disposition ist und von welcher Wichtigkeit es sein kann, Probleme zu benennen und Konflikte durch Reden zu lösen – nicht durch Gewalt. Die meisten Probleme, so zeigt sich, entstehen nicht aufgrund unüberbrückbarer Differenzen. Sondern weil vorher zu wenig miteinander geredet wird. Und daran jeden Tag zu arbeiten, ist eine grundlegende Botschaft, die man aus der Lektüre dieses Buches mitnehmen kann.

Fazit: Ein nur empfehlenswertes Buch!

Literaturangaben

Claudia Hochbrunn, Andrea Bottlinger: Helden auf der Couch. Von Werther bis Harry Potter. Ein psychiatrischer Streifzug durch die Literaturgeschichte. Hamburg 2019.

¹ Ausgeklammert bleibt hier die Art von zumeist gesellschaftskritischer Literatur, die dies nicht will und bewusst mit typisierten, nicht psychologisch motivierten Figuren arbeitet – man denke nur an diverse Formen, die das 20. Jahrhundert entwickelt hat: Episches Theater, Absurdes Theater, Dokumentarliteratur etc.
² Zur Figur Momo heißt es derweil: „Wie gut, dass man sich immer auf Kinder verlassen kann, um eine Welt zu retten, die Erwachsene durch ihre Dummheit ruiniert haben.” (S. 156)
³ Was man außerdem aus diesem Buch lernen kann: Die Blutsbrüderschaft, die Karl May in seinen Wildwest-Romanen beschreibt, war unter Indianern unbekannt! Dazu der Kommentar der Autorinnen: “Wenn man bei der Recherche nicht gründlich genug ist, muss man nur lange genug auf der eigenen Darstellung beharren, dann kommt man damit trotzdem durch und schafft einfach seine eigene Realität.” (S. 213)

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