Ist das wirklich die Realität? – Theodor Fontanes “Frau Jenny Treibel”

»Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie vergessen will. Es ist eine gefährliche Person und um so gefährlicher, als sie´s selbst nicht recht weiß und sich aufrichtig einbildet, ein gefühlvolles Herz und vor allem ein Herz “für das Höhere” zu haben. Aber sie hat nur ein Herz für das Ponderable [Materielle], für alles, was ins Gewicht fällt und Zins trägt, und für viel weniger als eine halbe Million gibt sie den Leopold nicht fort, die halbe Million mag herkommen, woher sie will.«

Soeben habe ich das Buch Frau Jenny Treibel von Theodor Fontane (1819-1898) gelesen, das schon ewig auf meiner “Bücher, die ich noch lesen muss”-Liste stand, und möchte nun einen kurzen Eindruck mitteilen.

Allgemeines

Fontane veröffentlichte sein Buch erstmals 1893. Meine Ausgabe stammt aus der Reihe Suhrkamp BasisBibliothek und wurde 2010 veröffentlicht.

Einleitung

Da wir momentan in der Schule das Thema Poetischer Realismus und damit auch Theodor Fontane behandeln, dachte ich mir, dass es doch endlich Zeit wird, nach Effi Briest auch Frau Jenny Treibel zu lesen, vor allem, da wir im Unterricht bereits den Anfang dieses Buches hinsichtlich typischer Merkmale dieser Epoche untersuchen sollten.

Es hat nicht lange gedauert, sich wieder in die Zeit des Kaiserreiches um 1880er hineinzufinden, denn von den noch verwendeten Kutschen abgesehen, war damals schon vieles erfunden, was für uns heute selbstverständlich ist. Selbst die Sprache war von Anglizismen und anderen Fremdwörtern durchzogen – da soll sich heute noch einer über die “Sprachvermischung” beschweren!

Die Zeit ist es jedenfalls nicht, was einen nur gelegentlich zum Buch greifenden Leser womöglich stören wird. Ich bin bereits gespannt, was Leute aus meiner Stufe zu dieser Art von Roman sagen werden, wenn sie Effi Briest oder Irrungen, Wirrungen lesen werden (eigentlich nicht, denn die negativen Kommentare sind jetzt schon herbeizusehen!) [Nachtrag Mai 2015: Tatsächlich wurde das Buch nicht allzu positiv wahrgenommen. Jenny Treibel hingegen diente als Aufgabe im Abitur!]

Inhalt

Die Titelfigur ist die Kommerzienrätin  Jenny Treibel, geb. Besenbinder (an dieser Stelle sei erwähnt, dass Fontane oft die Figuren und deren Verhaltensweisen der Lächerlichkeit preisgibt, indem er ihnen spöttische Nachnamen verpasst), die mit dem Kommerzienrat Treibel, der von einer politischen Karriere träumt, verheiratet ist.
Im Grunde genommen steht aber nicht ausschließlich Jenny Treibel im Mittelpunkt, sondern ebenso die Tochter ihres Jugendschwarms und jetzigen Freundes Prof.  Wilibald Schmidt, namens Corinna. Bei einem der Dinner, die die Treibels beinahe wöchentlich veranstalten, flirtet diese mit dem Engländer Nelson in der Absicht, den Sohn der Treibels, Leopold, eifersüchtig zu machen. Dies geschieht auch; sehr zum Leiden ihres Cousin Marcell, der ebenfalls in sie verliebt ist, aber zunächst keine Chance hat, an sie heranzukommen. Bei einem weiteren Ausflug entlockt Corinna Leopold sein Geständnis, der sie bittet, ihn zu heiraten. Heimlich und ungesehen verloben sich die beiden.

Als Leopolds Mutter Jenny davon erfährt, verliert sie die Beherrschung und will Leopold die Verlobung und Heirat nicht erlauben, weil sie Corinna für eine intrigante und unpassende Frau hält. Sie sucht Bestätigung bei ihrem Mann und ihrem Freund Wilibald über diesen Skandal, der dem Ansehen der Familie schade, trifft bei beiden jedoch nur auf Unverständnis und ein müdes Lächeln.
Kurzerhand bittet Jenny mit versöhnlichen Tönen Hildegard, die Schwester der Frau ihres anderen Sohnes Otto, aus Hamburg nach Berlin zu kommen. Ursprünglich waren ihr Hildegard, die eigentlich für Leopold angedacht war, genauso wie die Schwiegertochter Helene verhasst gewesen, weshalb sie lange Zeit auf eine Einladung verzichtet hatte. Um Leopold jedoch davon abzuhalten, sich mit Corinna zu treffen, bestellt sie sie schließlich zu sich.

Da Leopold indes seine Verlobte nicht sehen darf, schreibt er traurige Liebesbriefe an sie, die diese jedoch desinteressiert zerreißt, weil sie vom sich ständig wiederholenden Inhalt gelangweilt ist. Im Gespräch mit der Hausdienerin Schmolke kommt hervor, dass Corinna gar nicht aufrichtig in Leopold verliebt war – später gesteht sie, dass sie zwar vorhatte, ihn zu heiraten, aber sie aufgrund ihrer so gegensätzlichen Art wohl nur eine mittelmäßige Ehe geführt hätten, zumal sie die herrische Art der Jenny Treibel nicht ausstehen könne.
Schließlich wird unter der Beihilfe ihres Vaters, der bekennt, dass er immer geglaubt habe, Marcell sei der bessere Ehemann, dieser als neuer Verlobter präsentiert. Einige Zeit später heiraten Corinna und Marcell.

Was mit Leopold passiert, bleibt ungewiss. Zwar deutet Hildegard am Ende an, dass die Nachricht von der Verlobung jener zwei Verlobungen bedeute. Dennoch ist Leopold der einzige, der lieber ausreitet, anstatt zur Hochzeit zu gehen.

Meine Gedanken

Spannung und Dramatik darf man bei diesem Buch definitiv nicht erwarten, stattdessen detailreiche Beschreibungen, die gewiss auch dem Realismus geschuldet sind, aber eigentlich mehr über die Personen aussagen und mit humoristischen Kommentaren des Erzählers verflochten sind. Allein die Kapitel zwei bis fünf (von sechzehn insgesamt) beschäftigen sich mit dem Dinner der Familie Treibel, an das sich umgehend eine Diskussionsrunde um den Gelehrtenkreis um Wilibald Schmidt anschließt. Das Buch wird fast ausschließlich von Gesprächen geprägt, die die eigentliche Handlung ausmachen, und das übergreifende Thema unter denen Personen ist die Liebe und der Umgang mit ihr.

Im Nachhinein betrachtet ist Jenny Treibel nicht mehr als eine gealterte oberflächliche Frau, die nur an ihrem Reichtum, ihrem Ruf und Äußerlichkeiten interessiert ist. Sie hat zu diesem Zweck ihre eigene, gewöhnliche Herkunft völlig versteckt und veranstaltet regelmäßig Dinner, um ihr Eigentum zur Schau zu stellen. Jedes Dinner muss perfekt sein; Gäste sind nicht zufällig anwesend, sondern werden nach Interesse ausgewählt, um etwa neue Bindungen zu schaffen. Sie ist intrigant und verteilt ihre Neigungen zu ihrem Zweck, was man zum einen  sieht, als sie erst einen freundlichen Brief an die verhasste Hildegard (deren Name ihr nicht Norddeutsch genug erscheint!) schreibt und dann die ebenfalls ungeliebte Helene überschwänglich umarmt, weil sie nun einen gemeinsamen Feind haben. Zum anderen beginnt das Buch mit einem Gespräch zwischen Jenny und Corinna, in dem jene noch als “mütterliche Freundin” bezeichnet wird. Später stehen sich die beiden in einem bitteren Wortgefecht gegenüber.

Wie die meisten Personen im Buch kleidet sie sich mit fremden Zitaten, um gebildet zu wirken, doch anstatt hinter diesen Anschauungen zu stehen, bleiben sie hohle Phrasen im Schatten des Verlangens nach Geld und Ansehen.

Weiterhin ist festzustellen, wie herrschsüchtig und übertrieben anhänglich sie ist. Mit der Begründung, dass Corinna Leopold eine Komödie vorspiele, macht sie ihm in einem wütenden Monolog klar, dass sie eine Verbindung niemals zustimmen würde.
Sohn Leopold ist, obwohl schon 25 Jahre alt, in ihren Augen immer noch ihr Kind, über dessen Zukunft sie allein zu entscheiden habe. Dieser ist im Nachhinein betrachtet wohl auch der einzige, mit dem man tatsächlich Mitgefühl haben kann. Obwohl er nur selten in Erscheinung tritt und aufgrund seiner Schüchternheit sich nicht traut, seine Gefühle zu gestehen, kann man regelrecht mit ihm fühlen, wie er von seiner Mutter unterdrückt wird. Leopold erfährt nicht, dass Corinna seine Liebesbriefe zerreißt und seine Reaktion darauf, dass sie ihn ja gar nicht geliebt hat, bleibt ebenfalls unbekannt. Vermutlich wird es nicht einmal ein Gespräch zwischen den beiden gegeben haben. Darum ist es nur allzu verständlich, dass er von der Hochzeit fernbleibt.
Letztlich muss man jedoch auch sehen, dass er es nicht gewagt hat, aus den Fängen seiner Familie zu entkommen. Er schreibt zwar in seinen Briefen davon, dass er nach England zu flüchten gedenkt und in Gretna Green (Schottland) ohne Einwilligung der Eltern Corinna heiraten will, aber er tut es nicht und bleibt stattdessen in den Ketten der “Repräsentationspflichten” (S. 186) gefangen.

Corinna scheint bezüglich der Liebe nicht wirklich zu wissen, was sie möchte, und spielt mit den Männern, wie es ihr gefällt. Stets wird ihre Klugheit betont, doch auch sie verfällt der Oberflächlichkeit und dem Wunsch, einen für sie passenden Mann zu heiraten.

Ihrem Vater Wilibald hingegen fällt eine sehr interessante Rolle zu. Bei einem Gespräch mit Marcell über Corinnas Gebaren beim ersten Dinner erweist er sich als intelligenter Mann, indem er die Kernpunkte der weiteren Handlung voraussagt:

»Und dieser arme Leopold selbst. So viel weißt du doch, der ist nicht der Mensch des Aufbäumens oder der Eskapade nach Gretna Green.«
 (S. 92)

»Sie [die Treibels] liberalisieren und sentimentalisieren beständig, aber das alles ist Farce; wenn es gilt, Farbe zu bekennen, dann heißt es: ›Gold ist Trumpf‹, und weiter nichts.«
(S. 93)

»Mag übrigens alles schwanken und unsicher sein, eines steht fest: der Charakter meiner Freundin Jenny. Auf ihr ruhen die Wurzeln deiner Kraft. Und wenn Corinna sich in Tollheiten überschlägt, lass sie; den Ausgang der Sache kenn ich. Du sollst sie haben und du wirst sie haben, und vielleicht eher, als du denkst.« (S. 93)

Er versteht es, abzuwarten und dem Lauf der Dinge mit der nötigen ironisch-kritischen Distanz zuzuschauen. Vor allem in Verbindung mit seinem jugendlichen Schwarm Jenny tritt er in Erscheinung. Während diese nach wie vor an der alten Liebe hängt, hat er ihr zwar verziehen, dass sie ihn einst zugunsten eines anderen Mannes verschmäht hat, verspürt jedoch keine Liebe mehr für sie. Stattdessen bedenkt er ihre Neigungen auf seine Art:

»Schmidt nickte zustimmend und sprach dann ein einfaches: ›Ach, Jenny …‹ mit einem Tone, darin er den ganzen Schmerz eines verfehlten Lebens zum Ausdruck zu bringen trachtete. Was ihm auch gelang. Er lauschte selber dem Klang und beglückwünschte sich im Stillen, dass er das Spiel so gut gespielt habe. Jenny, trotz aller Klugheit, war doch eitel genug, an das Ach ihres ehemaligen Anbieters zu glauben.« (S. 138)

Dass mir ein grundsätzlich positives Urteil über das Buch missglückt, hängt vermutlich daran, dass zwar eine Menge Namen erwähnt werden, aber kein wirklicher Sympathieträger auftaucht. Vielleicht liegt hierhin das Meisterwerk Fontanes, dass er uns auf humoristischem Wege die Menschen mit allen Fehlern und positiven Seiten aufzeigt, sodass es nicht möglich ist, jemandem seine uneingeschränkte Sympathie zu geben, was zumindest ich als Leser gerne tue.

Nach dem soeben Geschilderten stellt sich mir dennoch die Frage: Ist das die Realität? Sind wir Menschen wirklich derart berechnend und vereinnahmend?

Fontane verstand es sehr genau, das umzusetzen, was er in seiner Schrift “Was verstehen wir unter Realismus?” von 1853 ausführte: »Wohl ist das Motto des Realismus der Goethe´sche Zuruf: ›Greif nur hinein ins volle Menschenleben/Wo du es packst, da ist´s interessant‹, aber freilich, die Hand, die diesen Griff tut, muss eine künstlerische sein. Das Leben ist doch immer nur der Marmorsteinbruch, der den Stoff zu unendlichen Bildwerken in sich trägt […]«

Sprich: Das Dargestellte mag durchaus echt sein, wenn auch mit kleinen künstlerischen Veränderungen.

Wenn man also einmal von der Langwierigkeit vieler Gespräche absieht, ist Frau Jenny Treibel wie viele andere Werke dieser Zeit ein sehr guter gesellschaftskritischer Roman, der aufzeigt, wie oberflächlich und egoistisch Menschen manchmal sein können, wenn es um Dinge geht, die sie betreffen.
Und das ist durchaus kein Thema, dass in den letzten hundert Jahren obsolet geworden ist.

Anmerkungen

Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Nobis, Helmut (Hrsg.): Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel (Suhrkamp Basisbibliothek), Suhrkamp: Berlin 2010.

2 Comments

  • Einfach richtig toll mit den ganzen Zitaten und ich bin vollkommen deiner Meinung! Hat mir sehr bei der Abivorbereitung geholfen :)

    • Vielen Dank für dein Feedback! Freut uns sehr, dass es dir bei der Abivorbereitung geholfen hat! Wir hoffen, deine Prüfungen liefen gut. :)

Und was denkst du dazu?