Kleine mittelhochdeutsche Reihe: 1. Mittelhochdeutsch allgemein

Mittelhochdeutsch? Spricht man das in Mitteldeutschland?

Die mittelhochdeutsche Sprache ist fester Bestandteil der deutschen Mediävistik und der historischen Sprachwissenschaft. Für viele Studenten stellt sie eine Qual da, andere gehen dagegen ganz in ihr auf. Im außer-universitären Kontext ist über das Mittelhochdeutsche aber relativ wenig bekannt. Von Walther von der Vogelweide als Dichter hat man vielleicht mal etwas gehört und das Nibelungenlied ist durch zahlreiche Bearbeitungen ein Begriff, dann hört es aber auch schon auf – sehr wahrscheinlich deshalb, weil heutzutage die mittelhochdeutsche Literatur im Deutschunterricht weiträumig umfahren und man im Alltag praktisch überhaupt nicht damit konfrontiert wird.

Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, eine kleine Reihe zu starten und hier meine gesammelten Kenntnisse aus Tutorium und Studium über das Mittelhochdeutsche zu präsentieren; das Ganze hoffentlich ein wenig erfrischender als auf anderen Seiten, die sich strikt auf die Faktenwiedergabe beschränken, und sowohl für Laien als auch für erfahrene Studierende verständlich. (Für Ergänzungen bin ich trotzdem offen, es gibt bestimmt etwas, was ich vergessen habe!)

Meine Artikel ersetzen nicht das Mittelhochdeutsch-Seminar oder eine entsprechende Grammatik. Vielmehr geht es mir darum, gebündelt die wichtigsten Informationen zu vermitteln. Wer Mittelhochdeutsch lernen bzw. verstehen möchte, sollte besser erstgenannte Institutionen konsultieren.

Was man wissen sollte

Mittelhochdeutsch ist eine Sprachstufe des Deutschen, Vorläufer des Frühneuhochdeutschen und Nachfolger des Althochdeutschen. “Mittel” bezieht sich hier also auf die chronologische Einordnung.

Der Zeitraum, in dem man das Mittelhochdeutsche ansetzt, umfasst die Jahre 1050-1350, d. h. die Zeit des Hochmittelalters und frühen Spätmittelalters. Wie immer bei nachträglichen Epocheeinteilungen sind dies natürlich nur grobe Eckdaten – es war nicht so, dass an einem Stichtag 1350 kein Mittelhochdeutsch mehr gesprochen wurde. So wie das Mittelalter langsam in die Neuzeit überging, entwickelte sich auch die deutsche Sprache kontinuierlich weiter.

Seine Hochzeit erreichte das Mittelhochdeutsche um 1200, nicht zuletzt wegen der Vielzahl an literarischen Werken, die zu dieser Zeit entstanden sind. Genaueres zur Literatur in mittelhochdeutscher Sprache habe ich hier geschrieben.

Wenn man eine Leseausgabe des Nibelungenliedes zur Hand nimmt und sie mit Leseausgaben von Erec, Iwein oder anderen bekannten mittelhochdeutschen Werken vergleicht, könnte man der Ansicht verfallen, dass das Mittelhochdeutsche eine einheitliche Sprache gewesen wäre. Das war es allerdings keineswegs. Stattdessen gab es verschiedene Sprach- bzw. Dialektgebiete, die sich teilweise beträchtlich unterschieden. Das Mittelhochdeutsche basierte im Wesentlichen auf den Schwäbischen und Ostfränkischen Dialekten und auch nur auf der höfischen Literatur. Eine festgeschriebene Orthographie gab es nicht, nicht einmal innerhalb eines einzelnen Textes. Dies macht sich immer dann bemerkbar, wenn man heutzutage in einem Wörterbuch nach einem Wort suchen will. Wenn man im Lexer, einem mhd. Wörterbuch, nach dem Wort vröuwen sucht, findet man acht verschiedene orthographische Möglichkeiten.

Damit wir trotzdem Mittelhochdeutsch verstehen können, hat man auf Grundlage der höfisch-staufischen Literatur ein normalisiertes Mittelhochdeutsch entwickelt, wonach die Leseausgaben ediert werden (wesentlicher Vorreiter dabei war Karl Lachmann). Dies bedeutet etwa, dass alle Längen mit einem ^ markierten oder dass Satzzeichen eingefügt werden, die es im Original nicht gab.

Stichwort Original: Originale Texte von Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue oder Wolfram von Eschenbach. gibt es nicht. Überliefert sind lediglich Abschriften, manchmal auch nur Fragmente, die kaum zu lesen sind. Man sollte daher bedenken, dass jede Leseausgabe auf einem bestimmten editorischen Prinzip beruht und Entscheidung des Herausgebers/Übersetzers ist.

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Benutzte Quellen und hilfreiche Mittelhochdeutsch-Grammatiken

Bergmann, Rolf/Moulin, Claudine/Ruge, Nikolaus: Alt- und Mittelhochdeutsch. Arbeitsbuch zur Grammatik der älteren deutschen Sprachstufen und zur deutschen Sprachgeschichte. 9. Auflage. Göttingen 2016 (= UTB Sprach-/Literaturwissenschaften, Bd. 3534).

Hennings, Thordis: Einführung in das Mittelhochdeutsche. 3. Auflage. Berlin 2012.

Hilkert, Weddige: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. 9. Auflage. München 2015.

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