Thomas Bernhard: “Amras”

Neulich fiel mir ein Buch in die Hand, dessen Titel zunächst eher unscheinbar klingt: Amras. Vermutlich verbindet man damit zunächst einen Namen und tatsächlich ist es auch ein Name, aber kein Personenname, sondern der Name eines Stadtteils von Innsbruck, in dem die Geschichte spielt.

Allgemeines

Die Erzählung Amras wurde von Thomas Bernhard geschrieben und 1964 veröffentlicht. Meine Ausgabe erschien 2006 im Suhrkamp Verlag in der Reihe Suhrkamp Basisbibliothek (= SBB 70).

Inhalt

Amras erzählt die tragische Geschichte der zwei Brüder Walter und K., die gemeinsam mit ihren Eltern aufgrund von familiären Krankheiten und Schulden aus dem Leben scheiden wollen, im Gegensatz zu ihren Eltern jedoch noch vor ihrem Ableben gefunden und gerettet werden können. Von einem Onkel werden sie in einen Turm nach Amras gebracht, in dem sie fortan im Gedenken an die Ereignisse völlig niedergeschlagen ihr Leben führen. Da Walter an Epilepsie leidet und von Anfällen heimgesucht wird, muss er regelmäßig Ärzte konsultieren. Eines Tages nach einem Anfall begeht er Selbstmord, indem er aus einem Turmfenster springt. K., den dessen Tod sehr mitnimmt, wird daraufhin vom Onkel in sein Forsthaus gebracht, die Einsamkeit dort verschlimmert seinen Zustand jedoch nur. Am Ende deutet sich an, dass er in eine Irrenanstalt gekommen ist.

Die Erzählung im Detail

Die Tragik der Erzählung ist wohl kaum zu überbieten: Eine komplette Familie begeht Suizid, doch die Brüder überleben, bis sich schließlich einer von ihnen umbringt und der andere dem Wahnsinn verfällt.

Walter und K. erscheinen von den Ereignissen völlig aus der Bahn geworfen. Beide hatten sich bereits auf den Tod eingestellt und dürfen nun doch weiterleben, allerdings ohne Eltern und entfernt von Zuhause, das aufgrund elterlicher Schulden aufgelöst worden ist. Ein normales Leben scheint nicht mehr möglich, was auch dadurch charakterisiert wird, dass stets der Onkel derjenige ist, der über die Brüder entscheidet. Der Turm, in dem sie leben, bietet dabei Schutz und Isolation zugleich.
In ihren Leidenschaften – Walter in der Musik, K. in den Naturwissenschaften – suchen sie Ablenkung, was aber nicht gelingt, denn weiterhin hören sie Stimmen und können die vergangenen Ereignisse nicht vergessen. Walters Tod und die anschließende Versetzung in das Forsthaus lassen den verbliebenen Bruder nur noch weiter in den Wahnsinn verfallen.

Der Autor wählt einen besonderen Weg, um diese Tragik noch stärker hervorzuheben. Indem K. als Ich-Erzähler fungiert, verlagert er das Augenmerk weg von einem reinen Handlungsbericht in die Perspektive eines der teilnehmenden Figuren hinein. Man erfährt zwar immer noch, wie der geplante Suizid vor sich ging und welche Ereignisse zu ihm führten, aber aus der subjektiven Sicht von K.
Tatsächlich ist die eigentliche Erzählung handlungsarm, aber das stört nicht, denn viel zentraler sind die psychischen Zustände der einzelnen Personen. In besonders prägender Weise lässt Bernhard den Ich-Erzähler in langen, verschachtelten und teilweise unvollständigen Sätzen zu Wort kommen, mal in Briefen, mal in Fragen, mal in wissenschaftlichen Termini, die allesamt häufig nicht zu verstehen sind, die aber meiner Meinung nach sehr gut die K.’s Zustand widerspiegeln. Eingeflochten sind ebenso Selbstzeugnisse des Bruders Walter, um auch dessen Sicht widerzugeben.

Fazit

Insgesam betrachtet empfand ich das Buch als anstrengend zu lesen und nicht unbedingt spannend, aber das muss ein Buch wie dieses auch nicht, wenn es dafür als psychologische Studie sehr interessant ist. Hilfreich beim Verstehen dieses Buches war hier wie fast immer auch der Kommentar, der allen Büchern der Suhrkamp Basisbibliothek beigefügt ist.

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