Über den Wert des Menschen als Zufallsprodukt

Der Schöpfungsglaube begründet grundlegend eine positive Sicht der Schöpfung und aller ihrer Manifestationen und aller ihrer Stufen. Der Evolutionismus als Weltanschauung (nicht als wissenschaftliche Theorie) tut sich da viel schwerer.
Was wir als Arten und Individuen in den Arten betrachten, sind eigentlich nur „Momentaufnahmen“ in dem großen Fluss der Evolution. Nichts hat sozusagen in sich selbst und für sich selbst Bestand, nichts ist um seiner selbst Willen da, alles ist nur Übergang und Durchgang im großen Strom der Evolution, alles ist Zufallstreffer, der das Glück hatte zu überleben, weil er „fitter“ war als die anderen. Ich denke, das ist eine sehr verkürzte Sicht der Vielfalt der Schöpfung. Das menschliche Staunen vor der Vielfalt der Natur lässt uns doch etwas anderes ahnen. Vor allem scheint es mir, kann der Evolutionismus als Weltanschauung nicht eigentlich begründen, warum etwas in sich selber Wert hat, wenn alles sozusagen vorübergehend im Durchgang, im Fluss der Evolution ist.
– Kardinal Schönborn

Die Evolutionstheorie von Darwin wird oft als eine Antithese zur Schöpfungsgeschichte aus der Bibel betrachtet. Kirchen werben oft damit, dass Gott unserem Leben einen Sinn gibt. Er soll uns erschaffen haben, genauso gewollt, wie wir jetzt sind. Jeden einzelnen von uns liebt er, und wir sollten genauso werden, wie wir nun vorm Spiegel stehen. Es sei doch viel schöner, in dem Glauben zu leben, Gott habe uns so gewollt, und wir seien kein Zufallsprodukt, keine Übergangslösung.
Warum?, frage ich mich. Warum ist es schöner, kein Zufallsprodukt zu sein? Warum brauchen wir einen Gott, der unserer Existenz einen Sinn gibt? Einen Gott, der uns sagt, dass wir etwas Besonderes sind, und dass wir über allem stehen und ein perfektes Lebewesen sind?
Liegt es daran, dass wir zu viel nachdenken? Daran, dass es außer unserer Art scheinbar keine weitere gibt, die so denkt wie wir? Daran, dass sie alle anderen Lebewesen nahtlos in ein Ökosystem einfügen, während wir aus der Norm herausfallen?
Ständig gibt es Diskussionen darüber, dass es irgendwo im Weltall noch weiteres Leben geben muss. Wovon ist diese Suche getrieben? Von Machtgier? Von Neugier? Oder von Hoffnung? Hoffen wir, dass wir irgendwo da draußen Wesen finden, die so denken wie wir und ähnlich aussehen? Die uns zeigen, dass wir nicht die einzigen unserer Art (im Sinne von Lebensart) sind?
Wir sind ohne Gott nichts wert. Warum? Fühlen wir uns einsam? Nicht verstanden? Es scheint, als gäbe es ein Identitätsproblem der Art Homo Sapiens. Nicht vergleichbar mit anderen Arten, wissen wir nicht, wie wir in diese Welt hineinpassen. Wir brauchen einen Gott, der uns daher einen Platz verleiht. Haben wir keinen Platz, sind wir nichts Wert.
Das finde ich irgendwie traurig. Und damit will ich nicht gegen Religion sprechen. Ich finde es nur traurig, dass viele Menschen Religion brauchen, um ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Können wir keinen Wert durch das erreichen, was wir tun und was wir sind? Können wir unserem Leben nicht eigenhändig Sinn und Bedeutung geben? Können wir nicht auch ohne Religion später auf unser Leben zurückblicken und denken, dass sie unser Leben gelohnt hat, und dass wir als Zufall gekommen und als die Art Homo Sapiens als ein Teil eines Öko- und Sozialsystems gegangen sind?
Außerdem spielt es doch keine Rolle, ob wir ein Zufallsprodukt oder nur eine Übergangslösung sind. Wer weiß, wie lange es noch dauert, bis die Evolutionstheorie nur noch perfekte Organismen hinterlassen hat und sich nichts mehr weiterentwickelt. Vielleicht wird dieser Zustand nie eintreten. Aber jedes einzelne Individuum – auch wenn eine “Momentaufnahme in dem großen Fluss der Evolution” – trägt zur Perfektion eines anderen bei. Jedes Individuum ist Teil eines großen Prozesses und damit unabdingbar. Ist nicht so jeden Individuum gleich viel wert? Das perfekte Individuum genauso wie das Übergangsindividuum?
Vielleicht sollten wir lieber anstatt das Große zu suchen, was uns Sinn gibt, Teil des Großen sein. Und als Teil des Großen nach aller Kraft zur Verbesserung des Großen beitragen. Denn dann hat man sich selber einen Wert gegeben. Ist von Bedeutung für das Große. Hat einen Sinn gefunden im Großen. Und dann spielt es keine Rolle mehr, ob wir nun ein Zufallsprodukt oder genauso gewollt sind.

[Anmerkung: Natürlich kann Religion noch in vielen anderen Aspekten des Lebens eine große Rolle spielen, und mit diesem Text will ich die Religion nicht verleugnen. Der Blick auf die Religion bezieht sich hier ausschließlich auf das Selbstwertgefühl der Menschen im Hinblick auf die Diskussion, ob der Mensch ein Zufallsprodukt oder von Gott gewollt ist.]

Und was denkst du dazu?