In diesem Fall ein römisches Amphitheater - trotzdem imposant!

Wie viel Antike wirklich in der Klassik steckt

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in Deutschland, angetrieben durch die Aufklärung, ein großes Interesse für die Antike. Der Archäologe und Kunsthistoriker J. J. Winckelmann (1717–1768) war mit seinen ästhethischen Betrachtungen der Antike einer der ersten und wichtigsten, der die Antikenbegeisterung vorantrieb. Manifestiert hat sich diese Begeisterung vor allem in künstlerischen Bereichen wie der Architektur, der Kunst, der Musik oder der Literatur.

In literarischer Hinsicht verbindet man vor allem Goethe und Schiller mit der sogenannten Deutschen bzw. Weimarer Klassik, aber auch Hölderlin und andere dichteten im Zeichen der Antike. Bevor ich mich studiumsbedingt mit dem Theater der Antike auseinandergesetzt habe, ist mir immer wieder die Frage gekommen, in welchem Ausmaße die Deutsche Klassik und insbesondere die Dramen dieser Zeit von der Antike inspiriert wurden. Auf den ersten Blick scheinen beispielsweise die beiden bekanntesten klassischen Dramen Schillers, “Maria Stuart” und “Wilhelm Tell” ja nicht besonders klassisch zu sein. Und wie sieht es formal aus? Das Versmaß der Deutschen Klassik ist der jambische Fünfheber. Gab es den in der Antike ebenfalls?

Im Folgenden versuche ich mich diesen Fragen zu nähern, indem ich mich zunächst den Anfängen des antiken Theaters und dann explizit den Tragödien widme, um sie mit den Tragödien der Deutschen Klassik zu vergleichen. Streng genommen sind Stücke wieIphigenie auf Tauris” oder “Wilhelm Tell” keine Tragödien. Da in der Antike alle Dramen entweder Tragödien oder Komödien waren und es in der Deutschen Klassik keine Komödien gab, werde ich bei den Stücken der Deutschen Klassik einfach von Dramen sprechen.

Da sich der Ursprung des Theaters in der griechischen Antike befindet, wird sich mein Text auch fast ausschließlich mit ihr beschäftigen. ¹
Warum setzen wir nun beim Theater an und nicht direkt bei den Dramentexten der Antike? Hier sollte man beachten, dass es die Textrezeption von Dramen, die ab dem 18. Jahrhundert eingesetzt hat und für uns heute völlig normal erscheint, in der Antike noch nicht gab. Dramentexte wurden nicht gedruckt und dem Volk zum Lesen vermacht, sondern dienten allein als Vorlage für die Schauspieler. Dementsprechend ist ein antikes Stück nur richtig fassbar, wenn man sich vorher mit den Aufführungsbedingungen vertraut macht.

Die Hochzeit der griechischen Dramenproduktion, auch Griechische Klassik bezeichnet, bezieht sich auf die Zeit der großen Tragödiendichter Aischylos, Sophokles und Euripides, die ungefähr 500-400 v. Chr. lebten. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir auch heute noch mit den Sagen von Medea, Ödipus und anderen vertraut sind. Teilweise haben sie auch die Darstellung der Personen mitgeprägt. ²

Die Anfänge

Der Begriff Theater stammt von dem Griechischen theatron und bedeutet so viel wie Ort zum Schauen. Theatron war dann auch der Begriff für den runden, offenen Bau, in dem Menschen das Theaterspiel, aber auch anderen Veranstaltungen verfolgten.

Das Theater der griechischen Antike entwickelte sich im späten 6./5. Jahrhundert vor Christus aus einem Kult des Gottes Dionysos. Ihm zu Ehren wurden rauschende, orgiastische Feste gefeiert, die bewusste Grenzüberschreitungen herbeiführten. Um diesen Treiben Herr zu werden, wurden ab 446 v. Chr. das Fest verstaatlicht. Unter dem Namen Große Dionysien wurde einmal im Jahr ein fünftägiges Spektakel abgehalten, bei dem Uraufführungen von Tragödien, Komödien und Satyrspielen gezeigt und prämiert wurden. Die Vorbereitungen auf dieses Fest begangen stets ein halbes Jahr vorher, an denen eine Vielzahl Athener Bürger beteiligt war. Gerade große Dichter wie Sophokles, Aischylos oder Euripides gingen häufig als Sieger aus diesem Wettbewerb hervor.

Die griechische Theater endete um 400 v. Chr. mit dem Verfall der griechischen Polis und dem Beginn des Hellenismus. Gleichwohl viele Dramen und Schriften seitdem verloren gegangen und von den Theaterbauten meist nicht viel mehr als die Sitzränge übriggeblieben sind, wissen wir ungefähr, wie das Theater damals aussah. Zu verdanken haben wir dies vor allem Aristoteles, der in seiner Poetik das antike Theater beschrieben hat. Man sollte jedoch beachten, dass Aristoteles im 4. Jhd. v. Chr. und damit rund hundert Jahre nach Ende der klassischen attischen Tragödiendichter lebte. Die Theaterpraxis kannte er damit nicht mehr aus erster Hand.

Charakteristiken des Theaters

Ursprünglich gab es nur einen einzigen Schauspieler, der einem Chor in einem Rede-Antwort-Dialog gegenüberstand, später drei. Damit aber trotzdem mehr als drei Personen verkörpert werden konnten, mussten die Auftritte der Figuren schon im Dramentext so arrangiert werden, dass nie mehr als drei Schauspieler auf der Bühne standen. Rollenwechsel mitten im Stück waren daher nicht unüblich. Die ausschließlich männlichen Schauspieler trugen Masken und ein genrespezifisches Kostüm, mit denen sie die Figuren darstellten.

Der Chor ist ein wesentliches Merkmal des antiken Theaters, gleichwohl er im Laufe der Zeit zugunsten der Schauspieler an Bedeutung verlor. Ihm gehörten in der Tragödie zwölf, später fünfzehn, in der Komödie vierundzwanzig Athener Bürgern an, die singen und tanzen mussten. Im Stück stand der Chor den Schauspielern gegenüber und diente häufig als Übermittler der Vorgeschichte bzw. eines drohenden Unheils oder auch als eine Art moralische Stimme, die die vom Dichter vorgegebenen Interpretationen übermittelte.

Die antiken Tragödien

Aufgebaut war eine Tragödie aus dem Prolog, dem Einzug des Chores (Parados), dem Wechsel von Episoden (Episodeion) und Standliedern des Chores (Stasimon) sowie dem Exodos am Ende.
Inhalte waren fast immer antike Sagen wie der Medea-Stoff, Iphigenie oder Antigone in verschiedenen Bearbeitungen. Das Ziel der Tragödie ist nach Aristoteles die katharsis, das heißt die Reinigung von oder durch eleos (Jammer) und phobos (Schaudern), wobei offenbleibt, wie genau diese Reinigung aussehen soll.

Das Wort Tragödie bedeutet ursprünglich so viel wie Bocksgesang. Tragisch ist laut Aristoteles eine Handlung dann, wenn ein ethisch guter Charakter aufgrund eines Irrtums (hamartia) ins Schlechte verfällt (peripetie). Ein Paradebeispiel, das auch von Aristoteles selbst angeführt wird, ist Sophokles´ König Ödipus. Ödipus erfährt durch ein Orakel, dass er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten wird. Um dies zu verhindern und sich gegen sein Schicksal aufzubäumen, bricht er mit seinem bisherigen Leben. Tatsächlich bestätigt er sein Schicksal aber genau dadurch: Er tötet seinen Vater, den er nicht erkennt, und heiratet eine Frau, die sich als seine Mutter entpuppt. Als Ödipus das realisiert (anagnorisis), kann er vor lauter Verzweiflung nur noch sich selbst verstümmeln.

Die Dramen der Deutschen Klassik

Der Dramatiker der Klassik schlechthin ist Schiller, Goethe dagegen hat mit “Iphigenie auf Tauris” nur ein Drama geschrieben, das man wirklich vollständig in die klassische Epoche einordnen kann.

Wie sahen die Dramen dieser Zeit formal aus? Meistens bestanden sie aus einer unterschiedlichen Anzahl an Auftritten, die in fünf Akten gebündelt wurden, von denen jedem eine bestimmte Funktion zufiel. Der erste Akt leitet in die Geschichte ein und stellt die Figuren vor, der zweite entfaltet die Komplikation, die im dritten Akt ihren Höhepunkt findet, dann folgt der langsame Abstieg zur Katastrophe. Dies ist natürlich keine spezifisch klassische Form, wird aber in der Klassik besonders streng angewandt. Formal geht diese Beschreibung auf Gustav Freytags Strukturmodell von 1863 zurück. Dazu kommen die sogenannten “aristotelischen Einheiten” der Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung, wobei diese gerade bei Schiller häufig vernachlässigt werden (man denke an “Don Karlos”).

Tatsächlich sind nur wenige dieser Eigenschaften antik. Wie ich bereits ausgeführt habe, wurde die Struktur der antiken Tragödien besonders durch das Vorhandensein des Chores geprägt, den es bis auf wenige Ausnahmen (Schillers Braut von Messina etwa) in den klassischen Dramen nicht mehr gibt. Das grundsätzliche Schema Anfang-Höhepunkt-Ende ist natürlich auch in der Antike vorhanden.

Das “klassische” Modell von der steigenden und abfallenden Handlung und die Einhaltung der Einheiten ist größtenteils durch die Aristotelesrezeption in Neuzeit entstanden und durch die frz. Klassik besonders streng interpretiert worden. Teilweise wurde Aristoteles anders verstanden, teilweise neu interpretiert. Die Ständebindung der Gattungen, d. h. dass in Tragödien nur Leute von Adel behandelt werden sollen, geht auf solch eine Neuinterpretation zurück.
Zwar spricht Aristoteles auch die “aristotelischen Einheiten” an, aber eher als Empfehlung, nicht als klare Anweisung. Die Einheit des Ortes findet bei ihm keine Erwähnung.

Auch der fünfhebige Jambus, der Blankvers, in dem die deutschen klassischen Dramen geschrieben sind, ist eine neuere Erfindung. Verse gab es auch in der Antike schon, dort allerdings als Jambische Trimeter. Da sich dieses nicht ohne Weiteres auf das Deutsche übertragen lässt, hat man um 1750 ein neues Versmaß erfunden.

Wie sieht es inhaltlich aus? Erfüllen die Tragödien der Klassik Aristoteles´ Ansprüche? Nehmen wir “Maria Stuart” als sehr bekannte Tragödie dieser Zeit als Beispiel.

Maria Stuart ist nicht wirklich ein sittlich guter Mensch, wenn man bedenkt, dass sie ihren Ehemann aus machtpolitischen Gründen umbringen ließ. Schiller ging es aber auch nicht darum, ihren Umsturz ins sittlich Schlechte darzustellen. Vielmehr zeigt er, wie sich Maria mit aller Macht gegen ihr drohendes Schicksal (= ihrem Tod) aufbäumt, daran scheitert und sich ihm letztlich stolz und erhaben fügt.

Bei Ödipus gibt es diese Fügung nicht, wobei man natürlich beachten muss, wie die Schicksäler dieser beiden Personen jeweils aussehen. Maria Stuart weiß, was sie getan hat und akzeptiert den Tod für ihre Taten. Ödipus sieht sich der plötzlichen Erkenntnis ausgesetzt, seine Mutter zur Frau und seinen Vater erschlagen zu haben. Er wusste davon zuvor nichts und sieht nun keinen anderen Ausweg, als sich für diese Untaten zu bestrafen.

Wie man sieht, spielt das Schicksal im antiken Drama noch eine größere Rolle. Ödipus´ Taten sind von höheren Mächten vorgegeben, er kann nichts gegen sie tun. Maria dagegen hat Königin Elisabeth als Gegenspielerin, die im Gegensatz zu ihr als noch intriganter und machtbesessener erschein und ihren Tod iniitiert. Theoretisch hätte Maria die Möglichkeit gehabt, anders zu handeln oder noch aus ihrem Gefängnis zu fliehen, aber alle diese Versuche scheitern. Gerne und oft hat Schiller Intrigen in seinen Dramen verarbeitet. Ansonsten hat sich Schiller in allen klassischen Dramen bis auf die Braut von Messina historischen Personen gewidmet, angefangen bei Don Karlos, über Wallenstein bis zum unfertigen Demetrius-Fragment. Das beste Beispiel für die Übernahme eines wirklich antiken Stoffs ist Goethes Iphigenie. Dabei handelt es sich übrigens nicht um eine Adaption von Euripides Iphigenie in Aulis. Letzteres handelt von Iphigenies Leben bis zu ihrem vermeintlichen Opfertod, Goethes Drama setzt inhaltlich danach an.

Zuletzt natürlich war auch die Aufführungspraxis eine andere. In der Antike wurde bei Tageslicht im Theatron gespielt. Nur wenigen Kulissen wurden verwendet und Tötungen geschahen nie auf offener Bühne. In der Klassik hatte man feste Theatergebäude, es gab männliche und weibliche Schauspieler, die je eine Rolle besetzten. Wenn antike Stoffe adaptiert wurden (und auch heute noch werden), wurden sie an die Umstände der jeweiligen Zeit angepasst.

Das ideale Sinnbild

Die Inhalte sind also nicht antik, die Form auch nicht wirklich. Wo also sind die Verbindungen?

Wie ich das antike Drama eingeordnet habe, muss man auch die Klassik wie alle Epochen im Kontext ihrer Zeit sehen, um zu begreifen, welche Verbindungen man zur Antike zieht. Die Klassik war ganz stark durch die Schrecken der Französischen Revolution und Napoleons Feldzug durch Europa gekennzeichnet. Die Ideale der Revolution, das Streben nach Demokratie und Freiheit bewegte den ganzen Kontinent.

Auch die Klassik unterstützte (mehr oder weniger) die revolutionären Werte, aber sie sollten nicht abrupt und mit Gewalt erreicht werden. Der Mensch sollte mittels Idealisierung der Wirklichkeit erzogen werden, von der Gewalt abzulassen, und mit Harmonie und Sittlichkeit die Freiheit zu ergreifen. So löst die Iphigenie in Goethes Werk den Streit zwischen Thoas und ihrem Bruder ganz gewaltlos nur mit Worten.

Inhaltlich sind nur wenige Dramen antik (Gedichte und Balladen schon eher), aber der Klassik ging es auch nicht nur darum, antike Stoffe zu adaptieren. Die Klassiker hatten eine Auffassung von der Antike als ganzes, nicht unbedingt auf die Dramen bezogen, sondern auch auf die Kunst, die Architektur, deren Symmetrie und Klarheit als Vorbild genommen wurden. Dieses mit der antike verknüpfte Sinnbild, der ideale Geist, der Wahrheit, Freiheit, Harmonie wurde auf neue Stoffe übertragen.
Gerade Wilhelm Tell verkörpert wie kein zweiter den idealen Helden, der den Tyrannen stürzt und Freiheit und Unabhängigkeit gewinnt.

Nicht zuletzt ist das antike Ideal der Klassik auch in Abgrenzung zur Romantik zu sehen, die sich auf das Mittelalter besann, das die Antike (in Anknüpfung an die Renaissance) als “dunkle”, “unterentwickelte” Zeit betrachtete.

Anmerkungen

¹ In der römischen Antike (die zeitlich gesehen auf die griechische folgt) gab es zwar auch Dramen, die aber stark von den griechischen beeinflusst waren, eine eigene Entwicklung gab es nicht. Etwaige Auslassungen bei der Darstellung möge man mir verzeihen, dazu ist das Thema einfach zu umfangreich.
Weiterführende Literaturhinweise:
Latacz, Joachim: Einführung in die griechische Tragödie. Vandenhoek & Ruprecht (1993).
Aristoteles: Poetik. Hrsg. v. Manfred Fuhrmann. Reclam (1994).

² Medea war ursprünglich gar nicht die rasende Giftmischerin und Kindsmörderin, wie sie Euripides darstellt, sondern eine durchaus besorgte, Mitgefühl erregende Heilerin, die sich nichts zu Schulden kommen lassen hat.

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