Bei Dir

Es ist ein Jahr her. Ein Jahr, seitdem ich Dich zum letzten Mal gesehen habe. Dich umarmt habe. Dir versprach, dass wir uns wiedersehen werden.

Eine endlos lange Zeit scheint dies her zu sein. Überall sehe ich nur Doppelgänger von Dir, erinnere mich an all die Orte, die Du einst betreten hast. Ich will Dich doch nur einmal sehen; Deine Stimme hören; wissen, dass es Dir gut geht. Weit bist Du nicht entfernt und doch scheint eine Unendlichkeit zwischen uns zu liegen.

Gedankenlos laufe ich an mein Ziel. Bin müde. Will fort von hier. Die Sonne strahlt auf mein bloßes Haupt nieder. Ich kann das Ziel spüren. Geradeaus den Weg entlang, an den Bäumen vorbei und dann nach rechts zum Geländer. Dort warten sie alle. Warten, bis sie diesen Ort verlas­sen können.

Noch wenige Schritte, die Bäume habe ich bereits hinter mir gelassen. Da werde ich einer Unregel­mäßigkeit gewahr. Ich sehe nach vorne, blinzele und halte wie erstarrt eine Hand vor den Mund, doch meine Beine erlauben sich keinen Stillstand. Mein Inneres schreit nach Dir, Dein Name hallt in mir wider, aber ich bin vernünftig genug, Dir nicht hinterherzulaufen. Es soll nicht so sein. Es ist nur Zufall, bloßer Zufall. Doch was ist Zeit wert in diesem Moment? Was ist ein Jahr, gegen die Freude, dass Du in meiner Nähe bist?

Du siehst mich nicht; weißt nicht, dass ich wenige Schritte entfernt von Dir stehe. Aber ich sehe Dich. Ich sehe Dich, so wie Du warst, bevor uns das Leben auseinanderriss. Sehe, wie Du neue Pfa­de beschreitest und Dich entwickelt hast. Jenen Menschen, von dem niemand wusste, wie viel er mir bedeutete, ließ ich vor einem Jahr gehen. Du bist nicht mehr wie früher und hast Dich trotzdem nicht sehr verändert. Überall würde ich Dich erkennen.

Es dauert nur wenige Sekunden, dann ist Dein Antlitz wieder verschwunden. Doch vielleicht schenkt das Leben uns irgendwann einmal wieder einen Zufall, ein unvorhergesehenes Ereignis, das uns zusammenführt. Ich schwor es Dir und halte mich daran fest. Für immer.

Und was denkst du dazu?