Bericht über ein Klassentreffen

Was denkt man, wenn man den Begriff Klassentreffen hört? Ein gemütliches Beisammensein all derer, die man einmal als Klassenkameraden bezeichnet hat? Ein Wiedersehen alter Freunde, die sich wieder austauschen können? Vermutlich irgendwas davon.

Im April 2011 haben wir zum ersten Mal ein solches Klassentreffen besucht. Doch schon bevor es überhaupt losging, bekam man das Gefühl, dass nicht alles reibungslos geplant war. In einer Nachricht bei Facebook, die von Rechtschreibfehler wimmelte, wurden wir zu einer Grillparty unserer ehemaligen Grundschulklasse eingeladen. Von der Idee an sich war ich nicht wirklich überzeugt; ein Grundschultreffen? Wozu das denn? Sicher war es eine spannende und prägende Zeit gewesen, doch fünf Jahre waren zu diesem Zeitpunkt vergangen vorbei und wir alle – obgleich wir uns alle selbst noch in einem jungen Alter befanden – schon weit voneinander abgedriftet. Nicht nur die Schulen, sondern auch die Freunde und die Interessen hatten sich geändert. Aber vielleicht würde ja gerade das den Reiz ausmachen?

Mit ein wenig Bedenken, aber doch einer gewissen Vorfreude, kamen wir an einem bedeckten Nachmittag an dem angegebenen Grillplatz an, der eigentlich gar keiner war. Wir fanden eine einfache Wiese vor, die neben Tennisplätzen und ei­nem Spielplatz lag. Es waren bereits einige Jungs da, die an Plastiktischen auf Plastikstühlen saßen. Von Grills hingegen keine Spur. Langsam traten wir näher, unsichere Blicke, Getuschel, Nachdenken. Dann ein kurzes Hallo von allen. Keiner schien mehr so richtig zu wissen, wen man vor sich hatte.

Nachdem wir uns abseits der Stuhlrunde auf einen Baumstamm gesetzt hatten, bekamen wir fast wie beiläufig mitgeteilt, dass das Grillen kurzfristig abgesagt wurde und wir stattdessen Pizza essen gehen würden. Nun, was denkt man in solch einem Moment? Ist man wütend? Kommt man sich hinters Licht geführt vor? Wohl eine Mischung aus beidem, wenn man bedenkt, dass wir die einzigen mit Grill­gut waren. Als Begründung bekamen wir zu hören, dass sie uns, besonders mich, gar nicht erreicht hätten. Ihr Internet hätte nicht funktioniert und ich hätte ein andere Telefonnummer. Ja, kaum zu glauben, dass man nach fünf Jahren auch mal die Telefonnummer wechselt.

Zusammen mit zwei ehemaligen Klassenkameradinnen und gute Freundinnen betrachteten wir erstaunt die neuen Frisuren und veränderten Staturen. Mal waren die Haare kürzer, mal länger und selbst der Junge, der einst wegen seines Pferderanzens belächelt wurde, war zu einem Kraftpaket mutiert. Auch die Stimmen aller hatten sich verändert. Aber keiner schien sich so recht für die anderen zu interessieren.

Die Jungs redeten über Fußball und die Mädchen, wie kindisch die Jungs doch seien. Ohne einen Kommentar nahm ich diese Vorurteile hin. Aber etwas fiel mir dann doch unangenehm auf. Die Jungs tranken – nein, keine Cola oder Fanta, sondern Bier. Vermischt mit Kommentaren wie: »Komm, wir rufen meine Schwester an, die ist sechzehn und soll uns Bier besorgen« oder »Wir haben noch einen ganzen Keller voll«.

Wenn man bedenkt, dass sich besagte Leute zu diesem Zeitpunkt selbst erst im Altersspektrum zwischen 14 und 16 bewegten, waren ihre Aussagen einfach nur peinlich und widerlich. Das Saufgelage zog sich übrigens noch durch den ganzen Abend und endete in weggeworfenen Bierflaschen und vielen Scherbenhaufen. Nicht eine einzige Flasche ist im Mülleimer gelandet ist. Dass ich das mitgemacht habe, kann ich bis heute nicht begreifen.
Jedenfalls bekamen wir dann noch mit, dass einige »sich zu cool fanden«, um an einem Grundschulklassentreffen teilzunehmen und andere davon nicht einmal wussten. Wie gesagt, eine tadellose Organisation. Da hatte ich mich ja gerade noch einmal rechtzeitig bei Facebook angemel­det. Wir waren also etwa dreizehn von insgesamt vierundzwanzig Personen und statt dem Grillfest waren wir nun unterwegs in Richtung Pizzeria.
Auf dem Weg dorthin konnten es sich die Jungs natürlich nicht verkneifen, bei jedem Haus, an dem eine für sie »falsche« Fußballflagge hing, laut zu brüllen,so dass wir nur beschämt zuschauen und folgen konnten. Danach sammelten wir noch einen Klassenkameraden ein, natürlich nicht ohne zahlreiche Beleidigungen und Lästereien.

Wir kamen in der Pizzeria an und wurden von einem Besitzer begrüßt, der weder richtig Deutsch, noch richtig rechnen konnte, was einige der Jugendlichen auszunutzen versuchten. Toni und ich hatten kein Geld dabei (dafür eine Menge ungenutztes Grillgut) und mussten uns widerwillig eine Pizza teilen, die von unseren ehemaligen Freundinnen bezahlt wurde. Ich fühlte mich schlecht danach, weil es nicht meine Art ist, Geld von anderen zu erbetteln. Schuld empfand ich jedoch keine.
Natürlich konnten auch hier die Jungs nicht stillsitzen und so wurde ein Passant als Tingeltangel-Bob beschimpft, zahlreiche Gläser fielen um und einer von ihnen war zu unfähig, seine zweite Pizza selbst zu schneiden. Die immer noch hungrige Meute gönnte sich danach ein Eis, das bei manchen die übliche Anzahl weit überstieg, bis wir dann zurück zu dem Ort liefen, an dem alles begann: Die Grundschule. Ohne zu wissen, ob es erlaubt war, stürmten alle auf den Schulhof, stellten sich in die alten Häuschen und rannten herum. Einer konnte es natürlich nicht lassen und kletterte an einem Bauzaun hoch, sodass ein anderer Junge tatsächlich vernünftig erschien und ihn bat herunterzukommen.
Wieder dort zu sein, die alten Säulengänge, den Schulhof, die Gebäude zu sehen mit diesen Personen, ließ mich an früher denken, aber schnell wurde mir klar, dass die Vergangenheit nicht wiederholbar ist. Zwar schienen die Jugendlichen Spaß daran zu haben, wie früher im Klettergerüst zu toben und die Rutsche zu benutzen, aber es wirkte gestellt, unecht. Generell hatte ich den Eindruck, dass es nicht darum ging, alte Freunde zu treffen und sich auszutauschen, sondern nur den Anlass für eine Feier zu haben. Die Grundschüler von früher gab es nicht mehr, die Zeit ist längst vorbei. Egal wie oft man sich trifft und sich erinnert, alles bleibt Geschichte. Plötzlich wollte ich nur noch weg.

Wieder am Grillplatz angekommen, setzten wir uns in eine über­dachte Hütte und warteten den plötzlichen Regen ab, bis Toni und ich uns um einundzwanzig Uhr entschlossen zu gehen, ohne irgendeinen der Kommentare der anderen zu beachten.
Wahrscheinlich hatte ich einfach viel zu viel erwartet und bin enttäuscht worden. Aber es war klar, dass ein Klassentreffen, dessen Einladung aus einer von Fehler übersäten Nachricht bei Face­book bestand, nicht perfekt ablaufen würde.  Die Grundschulzeit damals mit solch einem Ereignis in Verbindung bringen zu müssen, hinterließ jedoch einen faden Beigeschmack.

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