Christa Wolf: “Kein Ort. Nirgends”

„Kleist zählt sich die Staaten auf, die er kennt, es ist ihm ein Zwang geworden. Dass ihre Verhältnisse seinen Bedürfnissen strikt entgegenstehn, hat er erfahren. Mit gutem Willen, angstvollem Zutraun hat er sie geprüft und widerstrebend verworfen. Die Erleichterung, als er die Hoffnung auf eine irdische Existenz die ihm entsprechen würde, aufgab. Unlebbares Leben. Kein Ort, nirgends.“

„Mein Freund, meine Freunde! Nur zu gut verstehe ich ihre Blicke. Unheimlich bin ich ihnen, doch können sie nicht sagen, warum. Ich weiß es: Ich bin unter ihnen nicht heimisch. Wo ich zu Hause bin, gibt es die Liebe nur um den Preis des Todes. Und ich staune, dass diese offenbare Wahrheit niemand außer mir zu kennen scheint, und dass ich sie, wie Diebsgut, in den Zeilen meiner Gedichte verstecken muss. Wer den Mut hätte, die wörtlich zu nehmen, sie mit natürlicher Stimme zu sprechen, wie eine andere Bekanntmachung auch. Sie würden das Fürchten lernen.“

Informationen

Der Roman Kein Ort. Nirgends wurde von Christa Wolf geschrieben und erschien 1979 im Aufbau Verlag (DDR) und Luchterhand Verlag (BRD). Die mir zugrunde liegende Ausgabe stammt vom Suhrkamp Verlag und erschien in der Reihe SuhrkampBasisbibliothek im Jahr 2006.

Inhalt

»Einmal in meinem Leben, Herr Hofrat, möcht ich dem Menschen begegnen, der mir ohne versteckten Vorwurf erlaubt zu sein, der ich bin.«

Christa Wolfs Werk „Kein Ort. Nirgends“ beschreibt ein fiktive Treffen im Juni 1804 zwischen der Schriftstellerin Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist.

Im Haus der Brentanofamilie in Winkel am Rhein findet ein Treffen verschiedenster Persönlichkeiten statt: Bettina Brentano, ihre Schwester Gunda nebst ihrem Gatten Savigny, ihr Bruder Clemens mit Gattin Sophie, die befreundeten Esenbecks, der Hausherr Josef Menden sowie der Arzt Wedekind sind anwesend. Im Mittelpunkt stehen jedoch Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist.
Günderrode, 1780 geboren und gute Freundin der anwesenden Frauen, betätigt sich als Schriftstellerin von zahlreichen Gedichten sowie dramatischen und prosaischen Texten. Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie sich nicht in die Geschlechterrolle ihrer Zeit einfügen will und sich als Außenseiterin betrachtet. Mit Bettina teilt sie ihre Freude am Studieren und Lesen von literarischen und philosophischen Lektüren. Clemens Brentano wirbt um sie, wird aber abgewiesen. 1799 verliebt sie sich in Savigny, der ihre Liebe jedoch nicht erwidert und stattdessen 1804 Gunda Brentano heiratet. Noch im selben Jahr verliebt sie sich in den Professor Friedrich Creuzer, der jedoch bereits verheiratet ist. Nachdem er Günderrode verlässt, ersticht diese sich 1806 am Ufer des Rheines.

Heinrich von Kleist, 1777 geboren, verdingt sich zunächst als Soldat auf Seiten Preußens, bis er 1799 seinen Abschied nimmt. Im folgenden Jahr verlobt er sich mit Wilhelmine von Zenge und sucht nach einem neuen Lebensziel. Er widmet sich zunächst Rousseau, gerät bei Kant in eine Krise und verbringt die nächsten Monate mit Reisen, zumeist mit seiner Halbschwester und engen Vertrauten Ulrike.
Kleist beschließt nun, sich als Schriftsteller zu versuchen und schreibt seine ersten Dramen „Die Familie Schroffenstein“ und „Guiskard“. Mit beiden ist er jedoch nicht zufrieden, gleichwohl er selbst von anerkannten Schriftstellern wie Wieland Lob erfährt. Er verzweifelte so sehr darüber, dass er sich in Frankreich wiederum als Soldat melden wollte. Dazu kommt es jedoch nicht. Auf der Rückreise bricht Kleist in Mainz zusammen und muss vom Arzt Wedekind gepflegt werden.
1806 entschließt sich Kleist, als Schriftsteller zu leben. Zahlreiche Werke entstehen, darunter die Dramen Der zerbrochne Krug und Amphitryon. 1807 wird er in Berlin als vermeintlicher Spion festgenommen und sitzt ein halbes Jahr in französischer Haft. Die nächsten Jahre verbringt er als unsteter Schriftsteller, kann jedoch nie Fuß fassen.
Im November 1811 begeht er zusammen mit der krebskranken Henriette Vogel Selbstmord.

Zunächst kommt es zu keinem Gespräch der beiden. Kleist traut sich nicht, in der fremden Gesellschaft ein Gespräch zu beginnen, Günderrode nimmt den Fremden zwar wahr, aber kümmert sich nicht näher um ihn. Erst als ihr ein Dolch aus der Tasche fällt, den Kleist aufhebt, beginnt man sich für ihn zu interessieren. Innerhalb der Gesellschaft wird jedoch schnell klar, dass Kleist mit seinen von Konventionen abweichenden Ansichten allein bleibt.

Als sich die Gesellschaft zu einem Spaziergang nach draußen begibt, separieren sich Kleist und Günderrode von den anderen. Beide werden im Laufe des Gesprächs vertrauter und stellen fest, dass sie ähnliche Ansichten haben. Das Gespräch endet damit, dass sich die Kutsche nach Mainz ankündigt, mit der Kleist zurückgebracht wird.

Inhaltliche und formale Aspekte

Das Buch entbehrt auf den ersten Blick jeglicher Spannung; bereits am Anfang wird uns mitgeteilt, dass den Leser ein fiktives Gespräch erwartet, das aber genauso gut hätte stattfinden können. Trotzdem ist sie da, sie äußert sich nur anders. Das Faszinierende an diesem Buch ist nämlich, wie Kleist und Günderrode, die beide kein Glück in der Liebe finden, sich beide als Fremde und Unverstandene fühlen, und beide als letzte Konsequenz den Selbstmord wählen, sich langsam in einer fremden Gesellschaft annähern, ins Gespräch kommen und feststellen, dass sie womöglich den einen gefunden haben, der sie auf geistiger Ebene versteht. Kleist selbst stellt im Buch dazu fest, dass der Austausch mit dieser Frau einem sinnlichen Rausch nahekomme, obwohl sie ihn als Person nicht reize.
Handlung gibt es kaum; eine Gruppe von Freunden und Kleist trifft sich am Mittag, redet und scherzt miteinander und geht am Abend wieder auseinander. Auf detaillreiche Schilderungen des Umfeldes wird weitgehend verzichtet. Vielmehr konzentriert sich das Buch auf die Ansichten der beiden Hauptfiguren, die entweder in Gedanken oder in direkten Gesprächen mit den anwesenden Gäste geäußert werden. Dabei wird ein großes Spektrum beleuchtet. Es geht um die Vergangenheit der Personen, Probleme, Kleists Zustand, die Werke der anwesenden Schriftsteller, auch Goethe wird mehrmals erwähnt.
Anführungszeichen und größere Absätze gibt es keine. Sowohl direkte Gedanken von Günderrode und Kleist, als auch Beschreibungen des Erzählers und wörtliche und indirekte Rede kommen vor, meist fließend ineinander übergehend, sodass es manchmal schwerfällt, zu entscheiden, wem die Worte und Gedanken zuzuordnen sind.
Der Schreibstil besticht überwiegend durch kurze, manchmal auch kürzeste Sätze, die wie Gedankenfetzen wirken. Dabei sind viele teils sogar wörtliche Zitate oder Anspielungen in die Dialoge eingeflochten. Man hat das Gefühl, dieses Ereignis hat wirklich stattgefunden.

Der Titel als Zustandsbeschreibung

Der Titel „Kein Ort. Nirgends“ spielt auf den Zustand der Hauptpersonen an. Sie sind einsam, heimatlos und allein, sowohl räumlich als auch geistig. Günderrodes Liebe wird nicht erwidert; sie stellt sich gegen die Gesellschaft. Kleist wandert sein Leben lang unruhig umher, kennt Frankreich, die Schweiz und halb Deutschland und weiß nicht, was aus ihm werden soll. Seine Werke passen nicht ins Weltbild dieser Zeit und werden meist nicht angenommen.
Beide finden keinen Ort, an dem sie verstanden werden. Selbst als sie sich kurzzeitig treffen und ihre Gedanken austauschen, wissen sie, dass sie allein bleiben werden.

Fazit

Manchmal im Leben eines Bücherfreundes sind es nur merkwürdige Zufälle, die einem die vermeintlich besten Bücher in die Hände treiben. So war es bei mir bei diesem Buch. Die Autorin kannte ich vom Namen her, den Titel ebenfalls, aber das sich dahinter dieser Inhalt verbirgt, hätte ich nicht gedacht. So geschah es durch ein paar Klicks bei Wikipedia, dass ich einige Tage später voller Vorfreude dieses Buch in der Hand hielt.

Nachdem ich es gelesen habe, muss ich gestehen, dass ich mir etwas anderes erwartet hätte. Dabei ist das Buch so, wie es ist, genau richtig. Christa Wolf hat es geschafft, alle Personen und Situation so darzustellen, dass sie möglichst real erscheinen; die lebenslustige Bettina und der Rest der „bunten Truppe“ verhalten sich so, wie man sich von einer damaligen geselligen Runde vorstellt. Übertriebene Unmutsbekundungen oder unvorhergesehene Ereignisse hätten dem Buch bloß geschadet.

Die Erzählung ist sicherlich speziell. Jemand der Spannung und Nervenkitzel auf jeder Seite erwartet, kann mit den hier präsentierten Gedanken nichts anfangen und wird sie als langweilig empfinden. Trotzdem muss man sich nicht en détail mit Literatur auskennen, um das Buch lesen zu können. Auch mir war Karoline von Günderrode bisher kein Begriff. Man erfährt aber auf der ersten Seite genug über sie und Kleist, um zu wissen, wie es um ihren psychischen Zustand bestellt ist.

Gerade auch hierin liegt der Vorteil der Reihe von Suhrkamp. Ohne lange recherchieren zu müssen, erhält man im Anhang einen Überblick über die Personen und deren Verhältnisse sowie einen erklärenden Kommentar.

Und was denkst du dazu?