Das Fähnchen im Wind (Parabel)

Aufgabe: Schreibe eine Parabel im Stile Kafkas und nimm ein aktuelles gesellschaftliches Problem zum Anlass. Als Orientierung dient Kafkas Parabel “Der Steuermann”.

Ein kleiner hagerer Kapitän, der im schwachen Licht des Mondes nur schemenhaft zu erkennen war, stand stolz am Ruder und sah gedankenlos nach vorne, ohne im Dunkeln etwas erkennen zu können. Ein Fähnchen wehte im sanften Westwind. Bei ihm war ein Matrose.
Bald tauchte ein dritter Mann auf. Das flackernde Kerzenlicht seiner Laterne fiel auf den Kapitän und malte an die Wand hinter ihm einen schwankenden Schatten.
„Wohin fahrt ihr?“, wollte er wissen.
„Immer geradeaus. Dann sind wir sicher. Bei Nacht sieht man so schlecht. Links und rechts von uns könnten Stürme lauern“, entgegnete der Kapitän.
„Geradeaus? Nein, so kommt ihr nie voran. Warum wählt ihr nicht einen anderen Weg?“
Der dritte Mann verschwand, während der Kapitän unbemerkt vom Matrosen den Kurs änderte. Bald darauf kamen sie in einen Sturm. Der Matrose rief: „Was tust du da?“
„Ich bringe uns nach Hause!“, entgegnete jener selbstbewusst.
„Durch den Sturm? Sieh, wie sehr das Fähnchen im Wind hin und her schwankt!“
„Zweifelst du an meinem Vorhaben?“
„Aber du sagtest selbst, dass du diesen Weg nicht nehmen wolltest!“
„So etwas habe ich nie gesagt und ich bin immer noch der Steuermann!“
Ohne ein Wort zu sagen, ging der Matrose unter Deck und bereitete sich auf das Ungewisse vor.

Eigene Interpretation:
Als Thema wählte ich die Wankelmütigkeit von Politikern. Viel zu oft kommt es vor, dass Politiker ihre eigenen Ansichten aus diversen Gründen genau ins Gegenteil kehren, meist mit der Begründung, dass sich die Zeiten geändert haben. Der Kapitän in der Geschichte stellt einen solchen Politiker da, der regiert, ohne zu wissen, was noch kommen wird. Bei ihm ist als wachender Matrose der Bürger, der so lange nichts tut, wie keine Probleme auftreten. Der dritte Mann stellt als Personifikation den Umschwung in der Meinung des Politikers da, mag dies nun konkret ein Lobbyist sein oder etwas abstrakter die Änderung von politischen Mehrheiten. Der Politiker lässt sich beeinflussen, ohne jedoch letztlich zuzugeben bzw. sich einzugestehen, dass er seinen “Kurs” geändert hat, wodurch er auf eine gefährliche Route gelangt, die möglicherweise ihm und der restlichen “Besatzung” schaden kann. Der Matrose/Bürger erhebt das Wort, doch gegen die mächtige Position und die Uneinsichtigkeit seines Vorgesetzten kommt er nicht an, weshalb er sich zurückzieht und ertragen muss, was der Kapitän für ihn entschieden hat.

Und was denkst du dazu?