“Das Haus der Treppen” & “Herr der Fliegen” – Wenn Kinder zu Bestien werden

Was wirst du tun, wenn dir alles genommen wird und nur dein Leben bleibt?
Wer bist du wirklich, wenn Sitten und Moral keine Rolle mehr spielen?

Kürzlich ist mir ein Buch in die Hand gefallen, das ich vor vielen Jahren im Ethikunterricht behandelt habe. Da ich zugleich vor einiger Zeit ein anderes Buch mit ähnlicher Thematik las, bat es sich für mich an, beide miteinander zu vergleichen.

Allgemeines

Das Haus der Treppen wurde von William Sleator (1945-2011) verfasst und erschien unter dem Titel House of Stairs erstmals 1974. Meine Ausgabe erschien 2010 in der 24. Auflage bei dtv und verwendet die Übersetzung von Hannelore Placzek.
Herr der Fliegen von William Golding (1911-1993) erschien 1954 unter dem Titel Lord of the Flies. Ich verwende die 54. Auflage aus dem Jahr 2014, die bei Fischer Taschenbuch veröffentlicht wurde und die Übersetzung von Hermann Stiehl benutzt.

Inhaltsangabe zu Das Haus der Treppen

Die fünf Jugendlichen Peter, Lola, Blossom, Abigail und Oliver, die allesamt als Waisen aufgewachsen sind, erwachen unabhängig voneinander in einem Haus, das nur aus Treppen und kleineren Plattformen besteht. Gemeinsam finden sie heraus, dass sie über eine Apparatur an Essen kommen, wenn sie bestimmte Tätigkeiten ausführen, u.a. indem sie wie verrückt tanzen. Dieses Essen besteht aus kleinen Fleischkugeln, von denen es jedoch nie genug gibt, um davon satt zu werden. Da sie nach einer Weile bemerken, dass die Maschine auch auf Gewalt reagiert, beginnen sie, sich gegenseitig aufzuhetzen, Essen zu stehlen und handgreiflich zu werden. Vor allem Oliver und Blossom schrecken vor nichts zurück, um an Essen zu kommen. Peter und Lola wehren sich gegen das Verhalten der anderen und sondern sich von ihnen ab. Sie beschließen, lieber zu verhungern, anstatt sich den grausamen Taten ihrer Kameraden anzuschließen. Bevor sie sterben können, wird die Situation aufgelöst. Die Kinder erfahren, dass sie in einem Experiment benutzt wurden, um aus ihnen willenlose Soldaten zu machen. Bei Peter und Lola hat das Experiment fehlgeschlagen und sie werden auf eine Insel für „Missratene“ geschickt, die drei restlichen verbleiben hingegen für weitere Zwecke.

Inhaltsangabe zu Herr der Fliegen

Haus der Fliegen
Bei einem Flugzeugabsturz auf einer Insel überlebt nur eine Gruppe von sechs- bis zwölfjähriger Jungen aus England. Bald schon spaltet sich die Gruppe in zwei Teile: Der eine Teil unter dem hitzköpfigen Anführer Jack, die restlichen Kinder unter dem zwölfjährigen Ralph. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Jack hält nichts von den Versuchen, einen Ausweg von der Insel zu finden und hilft auch nicht dabei, eine Infrastruktur aufzubauen. Stattdessen sucht er lieber das Vergnügen, indem er Tiere jagt und Schwächere verspottet, vor allem Ralphs Freund, der aufgrund seines Aussehens „Piggy“ genannt wird. Ralph versucht, demokratische Strukturen unter den Jungen zu errichten, was jedoch scheitert. Die Gruppierung um Jack spaltet sich vollständig ab und gründet unter dem Namen „Die Jäger“ ein eigenes Quartier, die immer brutaler vorgeht, auch gegen eigene Mitglieder. Fast alle Jungen schließen sich ihr an, bis der anderen Gruppe nur noch eine Handvoll Personen angehören. Letztlich werden auch die verbliebenen Mitglieder von den “Jägern” gefangen genommen oder getötet, bis Ralph allein ist. Um ihn zu bekommen, legt sie die Insel in Flamme und verfolgt ihn. Bei dem Versuch zu fliehen trifft Ralph auf einen Marineoffizier, der auf das Feuer aufmerksam geworden ist. Gemeinsam mit den restlichen Jungen wird er gerettet.

 

Die Bücher im Vergleich

Beide Bücher setzen sich mit der Frage auseinander, was passiert, wenn Personen unter eingeschränkten Bedingungen und abgeschottet von der Zivilisation ums Überleben kämpfen. Dieses Thema ist nicht neu (man denke an Robinson Crusoe) und wird auch noch heutzutage in Film und Fernsehen bearbeitet (The Walking Dead, vor einigen Jahren Lost oder The Tribe), denn es ist ein beliebtes Thema. Der besondere Reiz der beiden Bücher liegt darin, dass Kinder die Protagonisten sind. Von Kindern erwartet man normalerweise nicht, dass sie einander betrügen, ausgrenzen und niederträchtig behandeln, weil sie noch nicht die Weitsicht und Erfahrung eines Erwachsenen haben.
Und doch werden einige von ihnen in beiden Bücher immer aggressiver und schrecken auch vor Mord nicht zurück.

Zu Beginn des Buches ist für beide Kindergruppen ungewiss, wo sie gelandet sind und ob sie von dort jemals wieder wegkommen. Bei Sleator befinden sich die Kinder in einem leeren Haus ohne ersichtlichen Ausgang. Sie wurden ohne Wissen zu „Versuchskaninchen“ eines Experiments bestimmt.

Bei Golding werden die Kinder ebenfalls von der restlichen Welt getrennt, allerdings nicht absichtlich. Man erfährt vielmehr, dass die Jungen vor einem Atomschlag evakuiert wurden. Dass die erwachsenen Personen an Bord beim Flugzeugabsturz sterben, ist daher im Rahmen der Geschichte eher ein tragischer Zufall, was das Konfliktpotenzial anfacht. Die Kinder sind die ganze Zeit allein und es scheint sich auch niemand nach ihnen zu erkundigen. Bei Sleator stehen sie hingegen unter ständiger Bewachung.

Die Unwissenheit über ihr Fortdauern sowie der Kenntnis darüber, dass sie nichts als sich selbst haben, bewirkt, dass sich die Kinder in beiden Werken sofort auf ihren Überlebenskampf konzentrieren.

Sleator versetzt seine Protagonisten in ein geschütztes Haus. Plätze zum Ausruhen sind vorhanden, eine improvisierte Toilette und Wasser ebenso, sodass das Augenmerk auf der Nahrungsbeschaffung liegt. Nahrung erhält man in Form von kleinen Fleischbällen über eine Maschine. Da dazu bestimmte Aktionen nötig sind, tun die Kinder alles, um es zu erhalten. Ohne es zu merken, werden sie zu konditionierten Marionetten.

Bei Golding befinden sich die Personen auf einer Insel, sodass theoretisch alles in Rohform vorhanden ist, man muss sich nur die Strukturen schaffen. Außerdem besteht immer eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und der Insel zu entfliehen.

In beiden Romanen kommt es zu Konflikten. Im Haus der Treppen wird der Konflikt hervorgerufen, indem die überlebenswichtige Nahrung rationiert wird und zwar zusätzlich so, dass sie nicht satt macht. Der Kampf um das Essen wird stärker, die Gemüter erhitzter. Da die Kinder konditioniert werden, dass sie mit Gewalt an Nahrung kommen, greifen sie auch schließlich zu diesem Mittel.

Die gestrandeten Kinder schaffen es nicht, eine gerechte Arbeitsteilung herzustellen. Einige von ihnen wollen lieber jagen und Abenteuer erleben als Hütten zu bauen. Eine Gesellschaft kann aber nicht funktionieren, wenn nicht jeder seinen Teil zu ihr beträgt. Gruppen bilden sich, die einander zu verachten beginnen. Irgendwann werden Verachtung und der angestaute Unmut so groß, dass sie sich attackieren und Mord nicht mehr fürchten. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Kinder im Roman höchstens 12 sind! Trotzdem kann ihr Konflikt im Kleinen auch durchaus ein Modell für eine „richtige“ Gesellschaft sein.

Nicht unwichtig für die Konfliktbildung sind die unterschiedlichen Charakter der Figuren. Die Kinder befinden sich in beiden Szenarien in einer Extremsituation. Es gibt niemanden mehr, der ein bestimmtes Verhalten erwartet oder vorschreibt. Peter ist ein träumerische Junge, der um einem alten Freund trauert, den er in Oliver zu sehen glaubt, was dieser schamlos ausnutzt, genauso wie die Tatsache, dass Abigail in ihn verliebt ist. Trotzdem bleibt Abigail bei der Gruppe um Oiver und Blossom. Die eigentliche Gegenwehr erfolgt von Lola, die sich schützend vor Peter stellt. Dass Oliver und Blossom bereit sind, ihren Kameraden Schaden anzutun, zeigt, dass sie diese Veranlagung mit sich tragen. Zusätzlich kommt dazu, dass die Personen Waisen sind, sie wissen also nicht, was Familienleben oder Erziehung bedeutet. Das kann, muss aber nichts bedeuten, wie Peter und vor allem Lola beweisen. Sie sind bereit, ihr Leben zu geben, wenn sie dafür der Gewalt entfliehen können.

Bei Golding sind Ralph und Jack die gegensätzlichen Pole, um die sich die übrigen Personen scharen.

Beide Bücher leben davon, dass es eine vernünftige Instanz gibt und eine gedankenlose, die ihr eigenes Wohl über das der Mehrheit stellt. Dass ihr Verhalten keiner Moral entspricht, interessiert sie nicht, schließlich ist keiner da, um sie dafür zu verurteilen.

Bevor es in beiden Büchern zum Äußersten kommen kann, wird die Situation beendet. Trotzdem wäre es nicht richtig, von einem guten Ende zu reden.
Die Kinder werden zwar aus ihrer Isolation befreit, aber gerettet sind sie nicht. Peter und Lola kommen auf eine Insel für Missratene, was auch immer ihnen dort drohen mag. Für Blossom, Abigail und Oliver gehen die Experimente weiter, da sie sich als geeignete Probanden erwiesen haben.
Ralph und die überlebenden Kinder verlassen die Insel mit dem Wissen um die schrecklichen Erlebnisse. Sie können nicht zurück in ihren Alltag, als wäre nichts gewesen, sondern bleiben traumatisiert.

In letzter Instanz schreitet jeweils ein Erwachsener ein, aber auch an deren moralischer Position lässt sich zweifeln. Der Marineoffizier, der bei Golding auftritt, scheint die Kinder gar nicht ernst zu nehmen. Er hält ihr Verhalten für ein missglücktes Spiel und fühlt sich verlegen in den trauernden Kindern – zu denen auch die gehören, die Ralph gejagt haben – , die das Ende der kindlichen Unschuld beweinen.
Die Personen, die das Experiment bei Sleator leiten, haben das Ziel, dass die Kinder auch nach ihrem Aufenthalt konditioniert sind und auf Befehle gehorchen, was ihnen teilweise ja auch gelingt. Sind diese Erwachsenen wirklich besser als ihre jüngeren Abbilder?

Fazit

Beide Romane zeigen auf, wie uns Zivilisation, Erziehung und Moral beeinflussen – und welchen Anteil sie noch an uns haben, wenn unser Leben bedroht ist. Schon Aristoteles hat in seinen Schriften dargelegt, dass der Mensch sowohl geistige als auch physische Bedürfnisse hat. Damit man den geistigen nachkommen kann, müssen die physischen befriedigt sein. Dem stimme ich insofern zu, als dass wir verrohen können, wenn wir unsere Existenz in Gefahr sehen – wie das Haus der Treppen zeigt. Trotzdem bleiben wir Menschen, die sich dadurch auszeichnen, dass ihnen ein unterschiedliche großes Verlangen nach allgemeinem Wohl innewohnt. Lola und Peter geben lieber ihr Leben, bevor sie zu dem werden, was ihre Kameraden ihnen vorleben. Ralph ist bis zuletzt gewillt, den Frieden zwischen den beiden Gruppierungen zu wahren.

Ich kann kaum einschätzen, welches der zwei Bücher ich für grausamer halte. Tragisch sind sie beide und ich kann mir gut vorstellen, dass es auch in der Realität so weit kommen könnte.

Und was denkst du dazu?