meine beste englische Freundin Shabs

Ein Auslandsjahr in der Schulzeit – Teil 5: Meine Erfahrungen mit England

Hier also endlich mal ein genauerer und persönlicherer Artikel über meinen Aufenthalt, der wohl etwas länger wird… ;)

Angefangen hat alles damit, dass eine Freundin von mir unbedingt für ein Jahr ins Ausland wollte. Da wir sehr viel zusammen unternahmen, begleitete ich sie auf diverse Informationstreffen verschiedener Organisationen. Dadurch wurde ein solcher Aufenthalt auch für mich interessant.
Eine Schulkameradin erzählte mir einige Zeit später von der Organisation EF, mit der sie für ein halbes Jahr nach Amerika reisen sollte.
Nach ein paar Wochen entschied auch ich mich, ein Auslandsjahr anzutreten. Warum genau ich unbedingt nach England wollte, und woher meine Liebe zu England stammte, weiß ich nicht mehr genau.

Ende August hatten sich dann alle teilnehmenden Schüler im Flughafen einzufinden, von wo aus es dann nach London ging. Der Abschied von meiner Familie fiel mir eher leicht, verglichen zu dem Abschied, den ich Weihnachten noch einmal von ihnen nehmen musste.
In London angekommen, ging es erst einmal nach Winchester in die Universitätswohnheime, wo mit Filmabenden und Stadtführungen ein wenig in die englische Kultur eingeführt werden sollte. Dort lernte ich dann auch endlich meine wundervolle norwegische Gastschwester Cecilie kennen, mit der ich das Jahr lang zusammen in einer Gastfamilie lebte.
Nach zwei Tagen ging es weiter in die entsprechenden Wohnorte, für uns also mit etwa sieben Stunden Fahrt nach Blackpool.

Dort lernten wir dann unsere Gastfamilie kennen; ein Ehepaar mit einer siebenjährigen Tochter, die ein Bed&Breakfast besaßen.
Leider wurden hier aber unsere Erwartungen nicht getroffen. Die Gastfamilie ging mit uns einmal zu einem Pier, aber die restlichen zehn Tage bis die Schule anfing mussten wir uns quasi alleine Beschäftigungen suchen, und auch Gesprächsthemen mit der Familie fanden wir nicht viele, da wir kaum etwas gemeinsam hatten. Wir stellten uns nicht wenige Male die Frage, wozu wir überhaupt einen sage und schreibe zehn Seiten langen Steckbrief als Hilfe zur Wahl der Gastfamilie und des Ortes ausgefüllt hatten. Schließlich kamen wir aus völlig unterschiedlichen Umgebung; während ich in einer noch relativ großen Stadt lebte, kam sie aus einer der kleinsten und nördlichsten Städte Norwegen. Auch die Texte über uns und die Wünsche unterschieden sich sehr, da sie eine Farm vorgezogen hätte und ich angab, dass ich eine Kombination aus Natur und Stadt gerne mochte. Von Natur war in Blackpool allerdings nicht viel zu finden.
Trotzdem verstanden Cecilie und ich uns auf Anhieb super, während zwischen der Gastfamilie und uns sich immer größere Lücken auftaten.

Bald beschlossen wir, dass es das Beste wäre, die Gastfamilie zu wechseln. Schließlich war das unser Jahr. Das Jahr, von dem die Organisation behauptete, es solle das beste unseres Lebens werden.
Dieser Beschluss stellte sich aber als sehr schwer zu erreichen dar. Die für unsere Region zuständigen Mitarbeiter von EF, die sog. IECs, machten uns ein schlechtes Gewissen und hielten uns dazu an, es weitere zwei Wochen zu versuchen. Immer wieder. Schließlich warteten wir sechs Wochen, bis Cecilie endlich in eine andere Gastfamilie wechselte, während ich die Gastfamilie nicht verletzten wollte und es doch noch einmal versuchte. Da die Situation aber nur noch schlechter wurde, weil ich plötzlich als Babysitter auserkoren war, wechselte ich dann auch zwei Wochen später.

Diese Gastfamilie bestand aus einer Seniorin, die Kunst studierte und wie fünfzig Jahre alt aussah (als wir ihr Alter erfuhren, riss es uns wahrlich vom Hocker) und ihren drei Hunden Suzi, Tyler und dem achtzehnjährigen Dan, sowie der dreibeinigen Katze Felix.
Alle fünf waren überaus nette Gestalten, die sich liebevoll um uns kümmerten. Zwar unternahmen wir nicht viel miteinander und Dan verrichtete fast jeden Tag, alt wie er war, sein Geschäft im Haus, doch wogen die freundliche Art und der liebevolle Umgang dafür mehr als auf.
Engländer tun einfach meistens nicht viel – zumindest die älteren – zumindest die in unserer Region; sie haben den ganzen Tag den Fernseher laufen, ob sie nun schauen oder nicht, und sitzen daheim anstatt mal einen Ausflug zu machen. So ist es eben. Dessen sollte man sich wohl bewusst sein, bevor man sich für England entscheidet – ich war es nicht.
Dennoch gab es zwei Familien, die viel mit ihren Gastschülern unternahmen.

So liefen die Monate dahin. Im College konnten wir vier Kurse wählen. Diese machten viel Spaß, auch wenn sie nicht selten sehr anstrengend waren. Die Lehrer waren wunderbar und sehr freundschaftlich; sie kümmerten sich um einen, sahen einen als erwachsen an und taten ihr Bestes, einem durch die Schullaufbahn sowie das persönliche Leben zu helfen und interessierten sich ehrlich für die (auch persönlichen) Probleme der Schüler. Eine Frage wie “Was hast Du am Wochenende gemacht?” war oft zu hören und die Antwort darauf ehrlich und meistens auch ohne persönliche Details auszusparen. Danach erzählten einem die Lehrer von ihrem Wochenende, ihrer Familie, ihren Ausflügen.
Auch wenn dieses englische Schulsystem seine Nachteile hat, so überwiegen für mich doch die Vorteile und ich bin stets gerne in die Schule gegangen. Das war echt die schönste Schulzeit die ich je hatte.

Jedoch verlief dieses Jahr durchaus nicht ohne Probleme. Aufgrund schlechter Erfahrungen mit Mitschülern in Deutschland traute ich mich nicht, Leute anzusprechen, ja ich wollte sogar nichts mit ihnen zu tun haben, um nicht verletzt zu werden. Also musste ich lernen, dass ich selbst durch ein solches Verhalten diejenige bin, die sich am meisten verletzt. Eine wertvolle, wenn auch schmerzhafte Erfahrung.

So habe ich mehrmals das Bedürfnis gehabt, das Jahr einfach abzubrechen und nach Hause zu fahren. Aber natürlich kam das nie wirklich in Frage. Wenigstens Weihnachten konnte ich nach Hause, obwohl ich mir am Anfang fest vorgenommen hatte, ein englisches Weihnachten zu erleben. Doch ein ganzes Jahr ohne Pause in England zu verbringen schien mir unmöglich.

Meine Angst, dass sich alles verändert haben könnte, wenn ich nach Hause kam, war völlig unbegründet. Meine Freunde waren alle noch dieselben, unser Verhältnis das gleiche. Keine Freunde hatte ich über England verloren. So viel mir der Abschied zu die Aussicht, ein weiteres halbes Jahr in England verbringen zu müssen, sehr schwer. Am Flughafen wieder ins Flugzeug zu steigen war qualvoll für mich.

Noch etwa einen Monat ging es so weiter, dass ich nur zu Hause am Computer saß, jeden Tag stundenlang mit meinem Freund skypte, niemanden in England hatte außer Cecilie und meiner Gastmutter und einfach nur nach Hause wollte.
Hinzu kam, dass ich mit Mormonen in Kontakt kam, da ich Cecilie, die Mormonin ist, aus Interesse in ihre Kirche begleitete – ohne dieser Religion beitreten zu wollen. Einerseits waren es nette Menschen und die Aktivitäten für Jugendliche haben Spaß gemacht, doch andererseits konnte ich der Religion keinen Glauben schenken und fühlte mich durch ihre missionarischen Gespräche sehr bedrängt. Weil ich keinen verletzten wollte, dauerte es sehr lange, bis ich ihnen endlich klarmachte, dass ich mit ihnen eigentlich gar nichts zu tun haben wollte. Diese Erfahrung war alles in allem nicht sehr schön für mich, und während ich vor England sehr gläubig (aber nicht asketisch und streng) war, wandte ich mich deshalb vom Glauben ab und auch heute kann ich mit Gott nicht mehr viel anfangen. Das finde ich sehr schade, da ich immer viel Spaß in meiner Kirche in Deutschland hatte, aber diese Erfahrung kann ich einfach nicht vergessen.

Ein, zwei Monate nach Weihnachten aber begann ich, alte Hobbies wie neue aufzugreifen. So begann ich nach vielen Jahren wieder mit Judo und zeichnete wieder viel am Computer. Des Weiteren traute ich mich endlich, Leute anzusprechen und fand so viele Freunde, die mir auch heute noch gute Gefährten sind. Lange hat es zwar gebraucht, doch ab da wurde mein Jahr fantastisch. Natürlich gab es immer noch Höhen und Tiefen. Doch die Unternehmungen und Übernachtungen, Judo und so vieles mehr machten mir sehr viel Spaß und ich gewann meines Lebenslust zurück.

So war es dann am Ende doch sehr schmerzvoll, mich von dem Leben wieder zu trennen. Ich habe wirklich das volle Jahr gebraucht, um Englands Kultur verstehen und lieben zu lernen. Ein Jahr, um gute, beste Freunde zu finden. Ein Jahr, um sich mir als unwiderruflich wundervolle Erfahrung einzuprägen.

Heute erinnere ich mich in vielen Situationen wehmütig an England und an das, was dort alles besser war. Viel lieber würde ich wieder in das College zurückkehren, als hier das Abitur zu machen. Und auch meine englischen Freunde vermisse ich sehr.
Dennoch ist auch hier in Deutschland das Leben schön, die Freund sind mir wichtig und natürlich besonders mein Freund hält mich hier. Auch die Kurse des Colleges werden nicht an allen Unis angenommen, weshalb es schwer wäre, wirklich nur die A-Levels zu machen.
Aber trotzdem würde ich zu noch einem Jahr England, einem weiteren Jahr College mit meinen Freunden, einem weiteren Jahr mit meiner englischen Familie wohl nicht Nein sagen – wenn ich meinen Freund mitnehmen könnte ;).

 

Das war also der vorletzte Artikel meiner Reihe. Ich hoffe, ich konnte Dir das wichtigste meines Auslandsjahres vermitteln, ohne Dich zu langweilen oder zu viel außen vor zu lassen ^^. Im nächsten und letzten Artikel werde ich dann noch einmal alles zusammenfassen, was ich zu einem Auslandsjahr zu sagen habe und ein Fazit ziehen, ob die Erfahrung seinen Wert hat.

 

Übersicht

Vor- und Nachteile
Erfahrungen
Tipps
Welches Land? Welche Organisation?
Meine Erfahrungen mit England
Zusammenfassung und Fazit

Und was denkst du dazu?