Ein letztes oder: Mit Iwein ins neue Jahr

Seit vielen Jahren pflege ich die Tradition, an Silvester einen kleinen Text zu schreiben, in dem ich das Jahr Revue passieren lasse, um mich im folgenden Jahr wiederum zurückzuerinnern, darüber nachzudenken und mich daran zu erfreuen. 2020 war wie kaum ein anderes Jahr eines, in dem Freude und Leid ganz nah beieinander lagen. Es ist so vieles bereits gesagt und geschrieben worden. Ich will den „Schnee von gestern“ – eine von mir sehr geschätzte Person verwendete diese Metapher neulich in einem Gedicht in einem positiven Sinne, ich bleibe hier aber bei der altbekannten Bedeutung – nicht noch einmal aufwühlen. Wir alle sind müde geworden.

Alles sehnt sich nach der Rückkehr in das alte Leben. Doch: Wird es dasselbe Leben sein?

In meinem Seminar behandelte ich neulich eine Passage aus dem „Iwein“, einem mittelhochdeutschen Artusroman des Autors Hartmann von Aue aus der Zeit um 1200. Protagonist Iwein, seines Zeichens junger Artusritter und frisch gebackener Brunnenhüter – nachdem er den alten besiegt, getötet und dessen Frau geheiratet hat –, fällt in eine Krise, da er sich nach seiner Hochzeit von seiner Frau eine einjährige Auszeit erbeten hat, die Rückkehrfrist aber nicht einhalten kann. Er wird vor dem gesamten Artushof der untriuwe bezichtigt, was nichts weniger als den Verlust seiner Ehre und seiner Identität bedeutet, und wird wahnsinnig.

Auch wir “realen” Menschen waren 2020 unbestreitbar in einer Krise, und viele von uns fühlten sich sicherlich auch in den Wahnsinn getrieben. Moment, könnte man nun einwenden, anders als Iwein (vgl. V. 3224: „in hete sîn selbes swert erslagen“) können wir doch aber nichts dafür. Doch, sehr viel sogar. Vielleicht nichts dafür, dass dieser Virus existiert. Doch mit unserer Lebensweise, unseren Entscheidungen (für Massentierhaltung, gegen einen schnellen und konsequenten Klimaschutz etc.) und (Nicht-)Handlungen (Stichwort: Verhalten in einer Pandemie, Demos etc.), können wir etwas dafür, dass er so sehr unser Leben beeinflusst. Und es wird sicher nicht die letzte Pandemie ihrer Art gewesen sein.

Iwein reißt sich in einer spektakulären Szene die Kleider vom Leib und mit ihnen seine Identität als Artusritter und höfischer Mensch. Er lebt nun eine Zeitlang als Wilder im Wald, nicht wissend, wer er ist, einfach nur aufs Überleben bedacht.

Wir wissen sehr wohl noch, wer wir sind. Oder? Zumindest wissen wir, dass wir aus dieser Krise hinauswollen, aus unserem symbolischen Wald, unserem Homeoffice, den Videokonferenzen, unserer Quarantäne, in ein uns vertrautes, erwünschtes Leben.

Auch Iwein schafft die Rückkehr zur höfischen Kultur, wenn auch nur langsam. Er bekommt (indirekt) menschlichen Kontakt durch einen Einsiedler, wird von einer freundlichen Dame im Schlaf gesalbt (unser Warten auf den erlösenden Impfstoff!) und erhält – wenn auch nur schlichte – neue Kleidung. Seine Identitätskrise ist damit aber noch nicht beendet. Als er aufwacht, erkennt er sich nicht mehr. Er spricht zu sich:

Dô er sich ûf gerihte
und sich selben ane blihte
und sich sô griulîchen sach,
wider sich selben er dô sprach
„bistûz Îwein, ode wer?“
(V. 3505-3509)

Als er sich aufrichtete,
und sich selbst ansah,
und sah, wie abscheulich er war,
da sagte er zu sich selbst:
„Bist du Iwein oder wer sonst?“

In einem spannenden, im höfischen Roman nicht oft vorkommenden Moment der Selbstreflexion stellt Iwein sich selbst in Frage, schließt von seinem Äußeren darauf, dass er nur ein Bauer und sein eigentliches Leben als Ritter ein Traum gewesen sei (V. 3454-3583). Dies ist im Übrigen nicht zuletzt ein Hinweis darauf, welch wichtige Attribute Kleidung und Körper im höfischen Roman darstellen. Schließlich ist Schönheit eines der Kennzeichen höfischer Menschen schlechthin. Aber dazu ein andermal mehr.

Auch ich habe in den letzten Monaten häufig darüber nachgedacht, wie selbstverständlich vieles scheint und es in Frage gestellt. Menschen zu treffen, rauszugehen und sich unbeschwert zu bewegen? Na klar. Gesund zu sein? Natürlich. Aber das ist es nicht.

Iwein kleidet sich mit der ihm bereitgelegten Kleidung an – was ebenso wenig selbstverständlich ist, höfische Figuren werden meistens eingekleidet, aber mit seinem Zerreißen der Kleidung korrespondiert – und „wart […] einem rîter glîch“ (V. 3596); eine Formulierung, die darauf verweist, dass er noch kein Ritter ist, auch wenn er von seiner Kleidung her so aussieht.

Iwein wird im Nachgang dieser Episode umsorgt und kehrt dann zu einem gesunden Verstand und einem schönen Äußeren zurück. Und nachdem er seine Schuld beglichen hat, ist er auch innerlich wieder ein höfischer, tugendhafter Mensch geworden und seine Krisen- und Abenteuerfahrt damit zu Ende.

Im Seminar haben wir dazu einen Textauszug aus einem Aufsatz von Kraß (2006) gelesen, der sich mit der Frage beschäftigt, ob Iwein in eine alte Identität zurückkehrt oder vielmehr in eine neue Identität eintritt. Kraß schreibt:

„Chrétien und insbesondere Hartmann nutzen, zusätzlich zur Auferstehungsmotivik, Modell und Metaphorik der Taufe, um die Neugeburt des Ich, den (Wieder)Eintritt in die höfische Identität zu symbolisieren. Im Taufsakrament verweist die Salbe auf die Erfüllung mit Gnade und Heil, das Weihwasser auf die Reinigung der Seele, das Taufkleid auf die als Investitur – als „Ausziehen“ des alten und „Anziehen“ des neuen Menschen – gedachte christliche Erneuerung. Eben diese Elemente kehren in höfischer Umdeutung wieder: Auch Iwein erlangt durch die Salbung Heil, wird durch das Bad nicht nur äußerlich gereinigt, wird durch die Einkleidung ein neuer Mensch und wird sich in der Selbstbefragung bewußt, daß er aus dem sozialen Tod in ein neues höfisches Leben tritt. Was Iwein erfährt, ist somit mehr als bloße Restitution einer zuvor verlorenen kollektive Identität, es ist der Eintritt in eine individuelle Identität, die sich durch bewußtes Wissen von sich selbst auszeichnet, durch die Fähigkeit, eine Geschichte von sich erzählen zu können.“ (Kraß 2006, S. 120f.)

Für beide Auffassungen gibt es Argumente. Der Gedanke, dass Iwein in eine neue Identität eintritt, wie sie Kraß hier vertritt, war mir neu, erscheint mir aber ungeheuer plausibel. Zwar gewinnt Iwein seine höfische Identität zurück, bleibt Artusritter und Brunnenhüter, aber zugleich hat er Erfahrungen gesammelt (sich selbst erfahren!), hat anderen geholfen (nicht nur sich selbst) und ist quasi noch „idealer“ geworden als er ohnehin schon ist.

Höfische Romane lassen nicht zwingend Parallelen zu heute zu. Aber vielleicht können wir ja der geschilderten Episode von Iweins Versagen, Krise und Wiedergutmachung aus Hartmanns Roman einen neuen Blickwinkel auf unsere Situation abgewinnen: Alles sehnt sich nach Normalität. Wir können es als Rückkehr in unser altes Leben begreifen. Oder als Eintritt in ein neues Leben, das wir nicht zuletzt der Wissenschaft und dem unermüdlichen (und viel zu schlecht bezahlten) Einsatz vieler zu verdanken haben und mit unseren digitalen und nicht-digitalen Erfahrungen aus dem Jahr 2020 füllen können. Sind wir wie Iwein, der nach seiner Krise in einer neuen und selbstreflexiven Identität angelangt? Es ist, wie so oft, alles eine Sache der Betrachtungsweise.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein positives und erfolgreiches neues Jahr 2021!

Literaturangaben
Textstellen (+ Übersetzung) aus dem „Iwein“ sind zitiert nach: Hartmann von Aue: Iwein. Text der siebenten Ausg. von G. F. Beneecke. Übers. und Nachw. von Thomas Cramer. 3. überarb. Aufl. Berlin, New York 2001 (= De Gruyter Texte).

Kraß, Andreas: Geschriebene Kleider. Höfische Identität als literarisches Spiel. Tübingen, Basel 2006 (= Bibliotheca Germanica, Bd. 50).

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