Jeannette Walls: “Schloss aus Glas”

“Schloss aus Glas” von Jeannette Walls wurde in deutscher Ausgabe am 6. Juni 2006 im Diana Verlag veröffentlicht und umfasst etwa 382 Seiten.
Am 4. Mai 2006 erschien es erstmals auf englisch unter dem Titel “The Glass Castle. A Memoir” im Verlag Little, Brown Book Group.

Jeannette Walls, die heute eine erfolgreiche Journalistin und Autorin ist, schrieb in diesem Buch ihre Lebensgeschichte nieder, für die sie sich lange schämte. Zusammen mit ihren Geschwistern Lori, Brian und Maureen, ihrer Mutter, die eine hoffnungs- und ruhelose Künstlerin ist und sich nie mit einem Job abfinden konnte, und ihrem alkoholsüchtigen Vater, der sowohl einen Job als auch eine Heimat nicht besonders lange behalten konnte, wuchs sie in nicht nur materieller Armut auf. Oft mussten sie aufgrund der Unzuverlässigkeit ihres Vaters und der Abenteuerlust ihrer Mutter den Wohnort zu immer heruntergekommeneren Gegenden wechseln. Schon bald kann von einer richtigen Wohnung oder einem richtigen Haus nicht mehr die Rede sein und die Kinder müssen die meiste Zeit ihrer Kindheit hungern und sind den Einflüssen der rauen Natur ausgesetzt. Am Anfang ihrer Kindheit erscheint Jeannette das Leben wie ein einziges großes Abenteuer und ihr Vater verspricht ihr, irgendwann ein Schloss aus Glas für die Familie zu bauen. Bald müssen die Kinder aber feststellen, dass es dieses Schloss nie geben wird und die Lage scheint immer verzweifelter…

 

Inhalt

Wie schon oben erwähnt, handelt es sich bei dem Buch um eine Art Autobiografie der Journalistin und Autorin Jeannette Walls. Umso schockierender erscheint deshalb der Inhalt und der Leser kann kaum glauben, dass einem Menschen wirklich ein solches Schicksal widerfahren kann.

Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, mich in das Buch einzufinden, da mir die Erinnerungen aus Jeannettes früher Kindheit doch sehr unrealistisch erschienen (sie will mit drei Jahren schon Hotdogs gekocht haben). Das ist auch nicht gerade verwunderlich, denn mit ihren 55 Jahren kann sie sich wohl kaum wahrheitsgetreu an ihre frühe Kindheit erinnern. Selbst wenn sie ihre Erinnerungen genau so aufgeschrieben hat, wie sie sie vor sich sieht, so werfen Kinder doch oft Realität und Fantasie durcheinander und Erinnerungen verschmilzen zu etwas, dessen Wahrheitsgehalt nicht genau bestimmt werden kann. Es gäbe auch niemanden, der ihre frühen Erinnerungen wirklich bestätigen könnte.

Doch je weiter das Buch in ihrer Kindheit voranschreitet, desto lebendiger scheinen Geschichte und Charaktere zu werden. Offensichtlich sind der Autorin diese Erinnerungen noch genauer im Kopf geblieben. Außerdem fällt es dem Leser immer leichter, sich in Jeannette hineinzuversetzen.

Da das Buch eine Autobiografie ist, gibt es natürlich keinen roten Faden und keinen festen Plot, somit also auch kein Ende, auf das das Buch hinarbeitet. Deshalb fiel es mir in den ersten hundert Seiten auch etwas schwer, dabei zu bleiben, aber ich bin wirklich froh, dass ich weitergelesen habe, denn schon bald haben mich die Schicksale der Familie gepackt und ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Ab etwa Seite 150 bleibt das Buch durchweg spannend, vor allem, da sich dem Leser langsam ein roter Faden auftut: die Familie zieht immer weiter und die Lage scheint immer schlimmer zu werden, sodass die Spannung groß ist, was sie Familie als nächstes erwartet.

Inhaltlich kann man auch nicht viel mehr sagen, da das Buch natürlich eher sehr viele zusammenhängende Anekdoten als eine Storyline enthält, aber ich kann sagen, dass es sich auf jeden Fall lohnt, das Buch komplett zu lesen!

Außerdem habe ich sehr viel aus diesem Buch mitgenommen. Die Armut, in der die Familie lebt, und der Optimismus, der viele Familienmitglieder sehr lange begleitet, sowie die Liebe, die in der Familie herrscht, führen dem Leser vor Augen, wie gut er es eigentlich hat (sofern das der Fall ist). Selbst in der verzweifelsten Lage wusste sich jedes der Familienmitglieder noch auf seine eigene Weise zu helfen.
Zudem zeigt das Buch – vor allem, da es wirklich passiert ist -, dass jeder im Leben das erreichen kann, was er wirklich will, wenn er nur hart genug arbeitet, sich nicht unterkriegen lässt und auch Menschen hat, die ihm beistehen. Alle Walls-Kinder (bis auf Maureen) haben wirklich etwas aus ihrem Leben gemacht. Dafür haben sie hart (zusammen) gearbeitet und genau das erreicht, was sie wollten. Selbst die Eltern sind mit ihrem Leben glücklich.

 

Charaktere

Auch wenn die Charaktere nicht erfunden sind, verdienen sie es, hier erwähnt zu werden. Denn sie sind, was das Buch vorantreibt. Stets wird dem Leser vor Augen gehalten, wie stark sich Entscheidungen auf unser Leben auswirken. Die Charaktere sind alle so unterschiedlich, wie sie nur sein könnten. Ständig ist der Leser gespannt, wie sich ein Charakter entscheiden wird und was das für Konsequenzen hat. Da man die Charaktere gut kennenlernt, kann man auch bestimmte Entscheidungen vorausahnen und ist so umso aufgeregter, was wohl deswegen passieren wird.

Sehr gut darstellt ist außerdem, dass alle Menschen gute und schlechte Seiten haben. So erscheinen die Eltern am Anfang interessant und liebevoll, während der Leser gerade gegen Ende des Buchs wirklich wütend auf den Vater ist, der sein Leben einfach nicht auf die Reihe bekommt und den Kindern auch kaum die Chance lässt, etwas daran zu ändern. Auch die Ignoranz der Mutter, ihr Starrsinn sowie ihre Engstirnigkeit und Ablehnung jeder höheren Autorität (Statt, Polizei, Jugendamt) treiben den Leser manchmal echt in den Wahnsinn.
Umso bewundernswerter sind die Kinder, die die Situationen trotz der Hinderung der Eltern immer gut meistern und am Ende zusammen die richtigen Entscheidungen treffen, um ihr Leben gewaltig umzukrempeln.

 

Schreibstil

Obwohl das “Schloss aus Glas” eine Autobiografie ist, kann von Langeweile keine Rede sein. Der Schreibstil ist angenehm und abwechslungsreich, nicht besonders anspruchsvoll, aber auch nicht zu anspruchslos. Ihre Lebensgeschichte erzählt Jeannette Walls wie einen Roman, sodass man manchmal vergisst, dass der Inhalt wirklich passiert ist.

 

Fazit

“Schloss aus Glas” kann ich wärmstens weiterempfehlen! Jeannette Walls hat sich dem Leser geöffnet und die Lebensgeschichte erzählt, für die sie sich so lange geschämt hat. So konnte nicht nur bei ihr Ruhe einkehren, sondern auch der Leser konnte viel daraus mitnehmen.
So wird der Leser ermutigt, mit den Dingen im Leben zufrieden zu sein, die er hat, auf der anderen Seite wird er aber auch dazu ermutigt, genau das nicht zu tun. Denn wie Jeannettes Lebens zeigt, sollte man nie aufgeben, für das zu kämpfen, was einem wichtig ist und nicht anhalten, bis man bekommen hat, was man will. Und das kann jeder schaffen, solange er nur hart genug arbeitet.
Das Buch ist zudem lebendig und wie ein Roman geschrieben, sodass dem Leser spätestens nach hundertfünfzig Seiten (sobald er die Charaktere ins Herz geschlossen hat) nicht langweilig wird.

Und was denkst du dazu?