Mein Vortrag auf der Bookcrossing Anniversary Convention 2019

Als ich vor fast genau zwei Monaten eine Mail bekam mit der (weitergeleiteten) Anfrage einer Dozentin, ob ich anlässlich der diesjährigen internationalen “Bookcrossing”-Tagung einen Vortrag über Frauenlob auf Englisch halten wolle, musste ich erst einmal innehalten. Vorträge halten? Kein Problem. Vor vielen Leuten? Stört mich nicht. Und zu Frauenlob bin ich inzwischen ja praktisch Expertin. Aber auf Englisch und dann auch möglicherweise noch Fragen beantworten? Hui! Mein Englisch ist zwar ganz passabel, aber das war noch einmal eine andere Hausnummer. Schnell fielen mir einige Ausreden ein, warum ich nicht könne oder wolle, aber schließlich habe ich doch zugesagt. Denn es ist eine Ehre für mich, angefragt worden zu sein – immerhin wird wohl nicht jeder dafür in Frage kommen. Außerdem versprach es, eine besondere Erfahrung zu werden.

Sobald ich meine Teilnahme zugesagt hatte, musste ich mich erst einmal informieren, was Bookcrossing überhaupt ist, denn ich hatte noch nie davon gehört. Bookcrossing ist eine internationale Plattform für „Bücherverrückte“, die sich laut Website selbst als „weltweite Bücherei“ bezeichnet. Tatsächlich ist es ein Merkmal dieser Community, dass Bücher auf der Seite registriert und dann in die Welt „freigelassen“ werden, sodass sieandere Bookcrosser, aber auch jeder Nicht-Bookcrosser finden, an sich nehmen und ggf. wieder freilassen können. Bücher sollen nach diesem Prinzip nicht im Regal verstauben, sondern mit anderen geteilt werden.

Gegründet wurde das Projekt im Jahr 2001 und verfügt inzwischen über fast zwei Millionen Mitglieder. Regelmäßig werden Tagungen veranstaltet, auf internationaler Ebene einmal im Jahr im April. Nachdem die Convention u. a. bereits in namhaften Städten wie London, Christchurch, Washington D.C. oder Amsterdam stattgefunden hat, fand sie dieses Jahr zum ersten Mal in Deutschland statt – und dann auch noch in Mainz! Ein Komitee, bestehend aus sechs Bookcrossern, organisierte für den Zeitraum 26.04.-28.04.2019 für ca. 150 Teilnehmer ein umfangreiches Programm mit verschiedenen Führungen durch die Stadt/Region, Verpflegung, einer Tombola und Lesungen.
Da es sich für das Komitee wohl als schwierig erwies, in Deutschland Autoren bzw. Autorinnen zu finden, deren Werke auf Englisch erschienen sind und die selbst auch einigermaßen Englisch können, und das Budget auch nicht allzu groß ist, um bekannte Namen einfliegen zu lassen, kam die Idee auf, einen Vortrag über Frauenlob – immerhin ein Mainzer Autor, wenn auch kein bekannter Name auf den aktuellen Bestsellerlisten – anzubieten.

In den folgenden Wochen ging es daran, ein Konzept zu erarbeiten – wirkliche Vorgaben gab es nicht, es sollte lediglich amüsant, etwa eine halbe Stunde lang und natürlich auf Englisch sein. Ich kramte also meine Frauenlob-Infotexte von der Ausstellung wieder aus, die ich ja praktischerweise (fast) alle selbst geschrieben hatte, und die Bilder von den Frauenlobstätten in Mainz, die sich ebenfalls noch in meinem Besitz befanden, und machte mich daran, einen Vortrag zu konzipieren.

Da die Organisatoren selbst zum ersten Mal eine solche Convention auf die Beine stellten, wusste ich bis zuletzt nicht, was mich erwartet. Mit Laptop, ein paar übrig gebliebenen Gimmicks aus der Ausstellung und dem Vortrag in der Tasche machte ich mich morgens am kaltnassen 27. April auf dem Weg in das Haus der Jugend nach Mainz, wo ich zuvor noch nie gewesen bin. Als ich dort ankam und mein Blick in den großen Saal fiel, in dem sich das Hauptgeschehen der Tagung abspielte, war ich doch etwas erstaunt. Eine richtige Bühne mit Leinwand und Mikrofonen hatte ich nicht erwartet. Im Saal verteilt befanden sich überall Tische, an denen die Tagungsteilnehmer saßen – manche strickten, andere schrieben Postkarten, wieder andere unterhielten sich. Die überwiegende Anzahl an Teilnehmern war übrigens weiblich und der Altersdurchschnitt lag bei 50+ (ohne, das in irgendeiner Weise wertend zu meinen!).
Bei meiner Ankunft begann gerade die Lesung einer anderen Autorin, die immer wieder von Zwischenrufen unterbrochen wurde, sie solle doch auf Englisch reden, damit alle etwas verstünden. Ein bisschen mulmig war mir mit Blick auf den Vortrag dann doch zumute, auch weil ich befürchtete, er könne zu kurz ausfallen. Nachdem die Lesung beendet war, gab es eine kurze Pause, in der alles für den Frauenlobvortrag vorbereitet wurde. Erstaunlicherweise klappte die Technik einwandfrei. Eine Bookcrosserin gab eine kurze Einleitung und dann ging es los. Aufgeregt war ich währenddessen nicht – vermutlich bin ich durch die Tutorien inzwischen abgehärtet. Um jegliche ungewollten Pausen zu vermeiden, hatte ich den gesamten Vortrag niedergeschrieben, bemühte mich aber, es so wirken zu lassen, als würden die Sätze spontan aus meinem Kopf kommen.
Ohne Zwischenfälle ging der Vortrag über die Runden. Im Anschluss gab es einige Fragen und viel Lob für die gute Präsentation. Als Dank bekam ich eine liebevoll zusammengestellte Tasche mit Andenken an die Convention überreicht und zehn Lose, um an der Tombola teilzunehmen. In einer Ecke befanden sich auf einem Tisch Preise für die Tombola, die von Bookcrossern gestiftet wurden, bestehend aus Goodies aus dem jeweiligen Land oder der jeweiligen Region der Teilnehmer. So gab es neben einem „Australia Prize“, einem „Canada Prize“ oder einem „Black Forest Prize“ – letztere bestehend aus Schwarzwälderkirsch-Schokolade, Schinken, Bier und einer kleinen Kuckucksuhr aus Schokolade – noch etwa fünfzehn verschiedene andere Preise. Lustigerweise habe ich tatsächlich den „Norway Prize“ gewonnen!
Da ich nicht unhöflich sein und direkt nach dem Vortrag gehen wollte, hörte ich mir noch die nächste Lesung an und nutzte die anschließende Mittagspause, um mich ein wenig in den restlichen Räumen umzuschauen, wo es u. a. Bücher und Andenken an die Convention gab. Bald darauf ging es für mich dann aber doch auf den Heimweg.
Insgesamt habe ich die anwesenden Bookcrosser als warmherzig und offen empfunden und bin dankbar dafür, einen Einblick in solch eine Veranstaltung bekommen haben. Dafür, dass nur sechs Leute die Tagung organisiert haben, war sie meines Erachtens sehr gut gestaltet und ich hoffe, dass die Besucher einen genauso guten Eindruck wie ich von der Tagung und auch von Mainz erhalten haben.

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