Ulrich Plenzdorf: “Die neuen Leiden des jungen W.”

“Das ist großer Quatsch! Hier hat niemand Schuld, nur ich. Das wolln wir mal festhalten! – Edgar Wibeau hat die Lehre geschmissen und ist von zu Hause weg, weil er das schon lange vorhatte. Er hat sich in Berlin als Anstreicher durchgeschlagen, hat seinen Spaß gehabt, hat Charlotte gehabt und hat beinah eine große Erfindung gemacht, weil er das so wollte! Daß ich dabei über den Jordan ging, ist echter Mist. […] Wir alle hier wissen, was uns blüht. Daß wir aufhören zu existieren, wenn ihr aufhört, an uns zu denken. Meine Chancen sind da wohl mau. Bin zu jung gewesen.”

Auf Ulrich Plenzdorfs Roman “Die neuen Leiden des jungen W.“, veröffentlicht erstmals 1972, stieß ich durch einen sehr banalen Zufall: Mit meinem damaligen Sozialkundekurs waren wir im Bonner Haus der Geschichte, wo an einer Wand ein Zitat aus eben jenem Roman geschrieben stand. Ein zweiter Werther, dachte ich, interessant! Schon damals hat mich Goethes Briefroman “Die Leiden des jungen Werthers” (1774) in seinen Bann gezogen, sodass klar war, dass ich mir bald darauf “Die neuen Leiden des jungen W.” zulegte. Die Frage nach den Parallelen hat mich den ganzen Leseprozess über begleitet und möchte sie nun in diesem kleinen Artikel aufarbeiten.

Inhalt

Plenzdorfs Roman handelt von dem jungen Heranwachsenden Edgar Wibeau, dessen Tod uns in vier kurzen Notizen zu Beginn mitgeteilt wird. Die eigentliche Handlung besteht darin, dass Edgars Vater, der den Toten seit dessen fünften Lebensjahr nicht mehr gesehen hat, bei verschiedenen Personen Erkundungen über ihn einholt. Zwischen den Dialogen tauchen Passagen auf, in denen Edgar post mortem kommentiert und ergänzt.

Man erfährt auf diese Weise, dass der siebzehnjährige Edgar bei seiner Mutter in der Kleinstadt Mittenberg lebt, bis er seine Lehre aufgibt und in eine kleine Laube in Berlin zieht. In Ermangelung an Toilettenpapier benutzt er Vorderseite und Nachwort eines Reclamhefts, das sich als Ausgabe von Goethes “Die Leiden des jungen Werthers” entpuppt. Edgar hat zunächst nicht viel für das Buch übrig, liest es aber doch und spricht einzelne Passagen auf Tonbänder, die er Willi schickt, um ihn über seinen Zustand zu informieren.
Eines Tages trifft Edgar auf die Kindergärtnerin Charlie, in die er sich verliebt. Sie verbringen Zeit miteinander, bis Charlies Verlobter Dieter eintrifft und sich die beiden für eine Weile nicht mehr sehen, da Dieter das Zusammensein der beiden missbilligt.
Der arbeitslose Edgar beginnt, als Anstreicher zu arbeiten. Nebenbei werkelt er zuhause heimlich an einer Farbspritzpistole, mit der er seine Arbeitskollegen beeindrucken will. Derweil hat Charlie Dieter geheiratet und es kommt zu einem erneuten Treffen mit Edgar. Bei einer gemeinsamen Bootsfahrt im Regen küssen sich Charlie und Edgar, doch diese rennt plötzlich davon.
Es ist kurz vor Weihnachten und Edgars Laube, in der er unerlaubterweise wohnt, soll abgerissen werden. Zuvor will er jedoch noch seine Spritze fertigstellen. Beim Versuch, sie anzuschalten, erleidet Edgar schließlich einen tödlichen Stromstoß.

Form

In formaler Hinsicht zeichnet sich “Die neuen Leiden des jungen W.” durch seinen eigensinnigen – an einen Film erinnernden – Stil aus. Es gibt keine einheitliche Erzählstruktur, sondern die Geschichte spielt sich auf mehreren Ebenen ab. Eine Ebene behandelt die Handlung im “Jetzt”, in der Edgars Vater mit der Mutter, Willi, Charlie und dem Arbeitskollegen Addi spricht. Diese Dialoge sind nicht verbunden, denn man vermag nicht zu sagen, in welchem zeitlichen Abstand sie stattfinden. Eingeleitet werden sie zumeist mit einer kurzen namentlichen Vorstellung des Dialogpartners und dessen Haltung zu Edgar.

Darüber schwebt buchstäblich der tote Edgar, der den Dialog an manchen Stellen unterbricht und selbst Stellung bezieht. In längeren Stellungnahmen übernimmt Edgar vollständig die Rolle des Erzählers und treibt somit den Fortgang der Geschichte an. Wie dies posthum möglich ist, wird nicht geklärt; dem Text ist lediglich zu entnehmen, dass Edgar “über den Jordan gegangen” ist und von einem Ort dort das Geschehene kommentiert.

Direkt am Anfang wird der Tod der Hauptfigur durch Todesanzeigen vorweggenommen, gefolgt von einem kurzen Überblick, den uns Edgar selbst verschafft, ehe es zur ausführlichen Schilderung kommt, sodass sich rückblickend nach und nach sein Leben zusammensetzt.

Der Schreibstil ist geprägt von einer alltäglichen, in Edgars Fall sehr derben und jargonhaften Sprache. Die Sätze, die er verwendet, sind meist kurz und bestechen durch Ausdrücke, die Edgar sehr oft verwendet, wie sein angehängtes “Leute” und “oder so”, “Ich Idiot” sowie seine rhetorische Frage, “ob das einer begreift”.

Ist Edgar ein zweiter Werther?

»Meine Erfahrungen mit empfohlenen Büchern waren hervorragend mies. Ich Idiot war so verrückt, daß ich ein empfohlenes Buch blöd fand, selbst wenn es gut war. Trotzdem werd ich jetzt noch blaß, wenn ich denke, ich hätte dieses Buch vielleicht nie in die Finger gekriegt«, sagt Edgar und meint mit diesem Buch Goethes Briefroman, worauf auch der Titel unübersehbar anspielt. Doch inwiefern haben wir es hier tatsächlich mit einem zweiten Werther zutun?

Dass die gesamte Handlung starke Parallelen zu Goethes Werk aufweisen, ist nicht zu übersehen.  Intertextuell gesehen zählt dazu Edgars eigene Behandlung und Benutzung von Werthers Geschichte, die er zunächst für einen Toilettengang benutzt, später aber immer wichtiger für ihn wird. Denn gerade in dieser Handlung, bei der er Titel und Nachwort des Werks zweckentfremdet, liegt für ihn der Schlüssel, Werthers Leben für sich zu nutzen.
Um seinem Freund Willi Auskunft zu erstatten, bespricht er Tonbänder mit Zitaten aus dem Werther, die ihm für die jeweilige Situation passend erscheinen und schickt sie ihm. Auch in Gesprächen verwendet er Zitate, die seine Mitmenschen jedoch nicht verstehen und ihn daher als merkwürdig betrachten.

Über den Text hinaus betrachtet weist ebenso Edgars Leben Referenzen zu Werther auf, die er mitunter gar nicht herbeigeführt hat und sich dessen auch nicht bewusst ist.
Sowohl Edgar als auch Werther kommen in eine neue Stadt und berichten ihrem jeweils besten Freund Willi bzw. Wilhelm von ihrem Aufenthalt, wobei sich beide mehr oder weniger als Außenseiter (Edgar: verkanntes Genie) betrachten. In einer Schar von Kindern entdecken Edgar und Werther ihre Geliebte Charlie bzw. Lotte (deren Namen beide auf Charlotte zurückzuführen sind), die aber bereits vergeben ist an den im Vergleich zu dem unüberlegt agierenden Protagonisten eher nüchternen Dieter bzw. Albert. Es kommt zu Treffen zwischen den Dreigestirnen, die nicht harmonisch ablaufen. Hier geht die Übereinstimmung sogar soweit, dass sich Edgar wie Werther die Waffe des Konkurrenten an den Kopf hält.
Beide scheitern an ihrem Arbeitsplatz und kommen durch eine Pistole (Edgar: Spritzpistole) ums Leben. Ihre Todesdaten (Werther: 23.12., Edgar: 24.12.) liegen erstaunlich nahe aneinander. Nicht zuletzt teilen sich beide ihre Leidenschaft für die Malerei, Musik und einzelne Bücher, für das Tanzen, und für ein bestimmtes Kleidungstück, was bei Edgar die Jeans und bei Werther der blaue Frack mit der gelben Weste ist.

Edgar scheint also tatsächlich ein moderne Werther zu sein.

Es gibt jedoch auch viele Hinweise, dass er es nicht ist. Zum einen ist bekannt, dass sich Plenzdorf nicht nur auf Werther berufen hat, sondern auch auf Salingers “Der Fänger im Roggen” (1951). Der dortige Hauptcharakter Holden, der etwa gleich alt ist wie Edgar, berichtet im Nachhinein seine Geschichte, zeichnet sich ebenfalls durch seinen umgangssprachlichen Stil aus und hegt eine Vorliebe für seine rote Jägermütze. Edgar selbst bezeichnet dieses Werk neben “Robinson Crusoe” als Lieblingsbuch.

Andererseits sind Edgar und Werther sehr unterschiedliche Menschen. Zu Lebzeiten und noch im Tod ist Edgar ein ironischer und höchst unempfindsamer Mensch. Dass er in einer Laube lebt, seine Lehre hingeworfen hat und von seinen Kollegen belächelt wird, scheint ihn genauso wenig zu stören wie seine missglückte Liebe zu Charlie. Trotz Rückschlägen bleibt er aktiv und produktiv, stürzt sich auf seine Arbeit an der Pistole und hegt nicht einen Moment Gedanken an Selbstmord. Sein Tod ist daher auch als unglückliches Versehen zu betrachten.
Werther hingegen ist ein von seiner Zeit beeinflusster, verletzlicher und gefühlvoller Mensch, der von seiner Liebe zu Lotte verzehrt wird. Je mehr er verletzt wird, desto tiefer zieht er sich in sich zurück und sieht am Ende keinen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen.
Edgar ist nicht fähig, seine Gefühle richtig auszudrücken, sondern braucht Werther als Vorlage, um sich zu gebärden. Nur in der Szene, in der er Charlie küsst, reicht seine Jargonsprache nicht mehr aus und er verwendet zum ersten Mal eigene und nicht vulgär angehauchte Worte.

Es ist somit festzuhalten, dass Edgars Leben in großen Teilen mit Werther übereinstimmt und Edgar selbst versucht, sich mit Werther zu identifizieren, doch ein neuer, moderner Werther ist er nicht.

Fazit

Plenzdorf hat mit seinem Roman eine Variante des Wertherstoffs aufgenommen und sich damit in die Tradition der Wertheriaden eingereiht. Normalerweise bin ich kein Freund von Adaptionen, sei es bei Büchern oder bei Theaterinszenierungen, aber da diesem Buch als Vorlage mein Lieblingsbuch zugrunde liegt, wollte ich doch wissen, was daraus geworden ist. Dass Die neuen Leiden des jungen W. bei mir nicht dasselbe Gefühl schaffen würde wie Die Leiden des jungen Werthers, war mir klar. Trotzdem wollte ich mich darauf einlassen und habe Gefallen daran gefunden.

Persönlich kenne ich viele, die Werther überhaupt nicht leiden konnten. Vielleicht hätten diese Leute mehr Gefallen an ihm gefunden bzw. wären zu einem besseren Verständnis gekommen, wenn sie dieses Buch gelesen hätten, das an Werther erinnert, in keiner fernen Vergangenheit spielt und – für viele – leichter zu verstehen ist.

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