Haus, in dem ich in Tukuyu wohne

Und der Award für die größte Dummheit geht an… (Anreise und erster Tag in der Einsatzstelle)

Auf dem Inkulturationsseminar habe ich als Stärke oft genannt bekommen, dass ich sehr rational und sachlich denken und mich so von Angelegenheiten distanzieren kann. Jedoch habe ich eine irrationale Angst vor Spinnen. Ich weiß genau, dass sie mir nichts tun und meistens auch noch sehr klein sind, trotzdem kriege ich jedes Mal, wenn ich eine Spinne sehe, Herzrasen schwitzige Hände und nichts auf die Reihe. Mehr dazu später. Erst mal zur Busreise.

Für uns Mbeya Girls gab es um 7:30 Uhr Frühstück, um 8:30 Uhr fuhr der Bus. Ich war froh, dass ich alles noch in meinen Koffer bekam, aber er explodierte fast. Ich hatte nämlich noch einen nicht aufgepumpten Fußball von Kathi und Leila bekommen und eine Fließjacke von Hannah.

Mit dem Daladala sind wir dann nach Morogoro auf den großen Markt gefahren, wo die ganzen Reisebusse hielten. Das Gepäck wurde hinten und den Sitzen gestapelt und schwankte bei jeder Kurve bedrohlich, als machte es sich einen Spaß daraus, unsere Reise in Tansania frühzeitig zu beenden, indem es uns tötete.

In Morogoro standen wir dann ziemlich lange auf dem Markt und wurden von allen angegafft. Dauernd wollten uns Händler ihre Waren andrehen. Wenn sie das nicht schafften, liefen sie neben den Bussen her und steckten wie Giraffen ihre Waren zu den Fenstern. Tatsächlich kauften auch einige Leute die Waren.

Giraffe!

Giraffe!

Unser Bus kam natürlich – wie konnte es in Tansania auch anders sein? – eine halbe Stunde zu spät. Als wir um 10 Uhr endlich auf der Straße waren, konnten wir erst einmal aufatmen. Die lange Busfahrt stand bevor. Überraschenderweise kam sie mir gar nicht so lange vor. Die Sitze waren gemütlich und es gab viel Beinfreiheit (besonders für mich). Nach einiger Zeit sind wir durch einen Nationalpark gefahren und haben dort tatsächlich ein paar Giraffen, Zebras und Gazellen gesehen! Später saß am Straßenrand ein Affe und ich musste lachen, wie menschgleich entspannt er die Beine ausstreckte und sie auf seinen Händen aufstützte.

Was mich aber wirklich genervt hat, waren die Filme und die Musik. Da ich immer noch sehr erkältet war, ging es mir nicht besonders gut und ich wollte eigentlich einfach nur schlafen. Jedoch liefen zwei Old-School-Action-Schieß-Scheiß-Filme hintereinander, bei denen ich mich gefragt habe, ob die ernsthaft jemand guckt. Mehr als eine halbe Stunde Schlaf fand ich so nicht. Nach einem Fantasy-Kinderfilm lief Musik. Im Daladala lief auch Musik. Es war irgendwie verstörend, denn es war Hiphop und die Ostafrikaner zeigten sich mit fetten Autos, Zigaretten und halbnackten Frauenkörpern. Das entspricht überhaupt nicht der Kultur und zeigt nur die kleine Elite, was mich irgendwie wütend macht. Die Popsongs im Reisebus waren relativ eintönig und die Musikvideos sahen ziemlich self-made und langweilig aus. Später liefen christliche Songs, was mich beeindruckte (hier spielt Religion so eine große Rolle!), aber auch die hat mich schon bald genervt, weil die Melodien und Songtexte noch eintöniger waren als die Popsongs. Ich hätte lieber traditionelle Musik gehört oder das reggeaartige Genre, dessen Namen ich gerade vergessen habe (ein auf Ostafrika stammendes Genre).

Haus, in dem ich in Tukuyu wohne

Haus, in dem ich in Tukuyu wohne

Um etwa 20:30 Uhr erreichte ich Tukuyu. Von da aus waren es nur noch etwa fünf Minuten bis zu meinem neuen Zuhause. Die Busfahrt war echt viel entspannter, als ich gedacht hatte. Die Schwestern holten mich ab, es war viel los und verwirrend. Zuhause angekommen aßen wir noch etwas (was sehr lecker war; englische Chips [Pommes], Kochbananen etc.), ich verstand kein Wort, schließlich ging ich ins Bett.

Meine Vorgängerin hatte mir erzählt, dass es in Tukuyu viele Spinnen gibt. Nachdem ich aber einen Spinnencheck gemacht hatte und in keiner Ecke eine fand, wollte ich erleichtert die Decke nehmen und ins Bett schlüpfen. Gerade als ich die Decke anhob, huschte etwas Spinnenartiges von der Decke zur Wand (es sah aus wie eine kleine Spinne, hatte aber nur sechs Beine). Nachdem ich geschlagene zehn Minuten Panik geschoben hatte und mich nicht entscheiden konnte, ob ich die Spinne rausbringen oder eliminieren sollte, entschied ich mich schließlich für das Insektenspray, da die Spinne andernfalls wahrscheinlich wieder reingekrabbelt wäre und da ich kein Gefäß hatte. Leider ist die Spinne nicht direkt gestorben als ich sie besprühte, dann verlor ich sie aus den Augen. Ich sprühte vorsichtshalbe noch in alle Ecken (das Spray halt bis zu sechs Wochen Ungeziefer fern). Dann ging ich endlich ins Bett. Es dauerte eine Weile, bis ich wegdämmerte. Als es aber dann fast so weit war, spürte ich plötzlich ein Krabbeln am Bein. Panisch sprang ich auf und wusste wieder nicht, was ich tun soll. Es kostete mich unheimlich viel Überwindung, die Decke langsam auf den Boden zu ziehen. Ich hatte Angst, sie würde raushuschen und ausgerechnet meine Richtung einschlagen. Da der Storm auch nicht funktionierte und ich nur meine Taschenlampe hatte, erschien mir das Risiko groß, dass ich sie übersah. Ich ließ die Decke also einfach auf dem Boden liegen, zog einen Schutzkreise auf Ungezieferspray um die Decke und überlegte, womit ich mich jetzt zudecken könnte. Kurzerhand entschied ich mich für mein Handtuch, stellte aber fest, dass es kleiner war, als ich es in Erinnerung hatte. Eine Weile lag ich im Bett und überlegte, was ich tun sollte, bis mir einfiel, dass ich ja noch zwei dünne Sommerschlafsäcke von meiner Mutter dabei hatte. Ich fühlte mich sehr dumm, holte den Schlafsack auf dem Koffer und wickelte mich so darin ein, dass nur noch mein Gesicht rausguckte. Die Wahrscheinlichkeit war natürlich sehr hoch, dass die kleine Spinne, die nicht einmal eine richtige Spinne war, aus der Decke kroch, den Weg zu mir ins Bett fand und dann noch aufgerechnet auf mein Gesicht krabbelte. Ich tat kein Auge zu. Tatsächlich lag ich vier Stunden im Bett, während ich versuchte, mich zu beruhigen und mir einzureden, dass die Spinne mich sicher nicht besuchen kommen würde. Außerdem fühlte ich mich bekrabbelt und schreckte jedes Mal zusammen, wenn meine eigenen Haare mich kitzelten. Und das alles wegen einer kleinen, harmlosen, fast niedlichen Spinne. Ich sollte wirklich mal eine Spinnenphobietherapie machen… Als ich feststellte, dass es keinen Sinn hatte, länger zu schlafen, las ich an einem Buch weiter. Irgendwann wurde ich doch müde, versuchte zu schlafen, hatte immer noch mein kleines großes Spinnenproblem und las das Buch schließlich zu Ende. Von etwa vier bis fünf schlief ich tatsächlich mal wieder ein. Als ich aufwachte, war die Spinnenangst größer als je zuvor. Mit Herzklopfen wartete ich auf die Dämmerung und beschloss, gleich am nächsten Tag das Moskitonetz aufzuhängen, koste es, was es wolle.

Mein Zimmer 3

Mein Zimmer 3

Um 6:30 Uhr (ich hatte um 8:00 aufstehen wollen), begann ich schließlich, meinen Koffer auszupacken und mein Zeug einzuräumen. Es gibt zwei Betten, ein Waschbecken mit Spiegel und Handtuchhalter, einen geräumigen Schrank und ein kleines Regal. Die Wandfarbe ist blau und gelbe Vorhänge hängen an den Fenstern. Auch wenn alles ein bisschen heruntergekommen aussieht, finde ich es sehr schön und fühle mich wohl. An den Wänden hängen allerdings Zitate, die meine Vorgängerin dort angebracht hat. Sobald ich ein oder zwei schöne Bilder in der Stadt gefunden habe, werde ich die Zettel durch jene ersetzen.

Freundlicherweise hat mir meine Vorgängerin viel da gelassen. Ich habe jetzt einen riesigen Vorrat an Medikamenten (von denen ich die meisten wahrscheinlich gar nicht brauchen werde, bis jetzt hatte ich noch keinen Durchfall, wie angekündigt von der Caritas), Tampons, Kinderspielzeug, Lernmaterialien, einen Internet-Stick, eine Wärmflasche, Bücher (die ich wahrscheinlich nicht lesen werde, da ich keine Krimis mag, aber ich habe ja auch genug auf dem Kindle) und mehr.

Heute habe ich mich dann mit warmem (!), aber nicht fließendem Wasser gewaschen. Es tat gut, endlich mal wieder sauber zu sein. Dann frühstückte ich Kuchen, der echt mit deutschem Fertigkuchen mithalten kann und etwas, dass ähnlich schmeckte wie Berliner, allerdings härter war und weniger süß. Dazu gab es Kakao. Ich kann mich echt nicht beschweren! Die Schwestern haben sich echt Mühe gegeben für mich. Es gab auch Pepsi-Cola, die gar nicht so schlecht schmeckte, wie ich dachte (eigentlich mag ich diese ganzen süßen Getränke nicht). In Tansania sind solche Getränke etwas Besonderes, da sie im Vergleich recht teuer sind.

Im Laufe des Tages verschwand mein Schnupfen vollends und wurde von einem für mich typischen Husten abgelöst, bei dem jeder einzelne Atemzug kratzt. Zudem bekam ich ziemlich Halsschmerzen. Ich war echt dankbar, jede Menge Hustenlöser dabei zu haben.

Nach dem Frühstück habe ich den Schwestern Fotos von meiner Familie gezeigt und die Gastgeschenke überreicht (Papstkalender, Kreuzkette, Cremeproben, Honig und bunte Servietten [es gibt in Tansania nur hässliche, dünne, weiße]). Darüber haben sie sich sehr gefreut.

Anschließend half ich Sista Catherine (die Oberschwester der drei dort lebenden Schwester) beim Nähen von vielen kleinen, gelb-weißen Fahnen. Wofür auch immer die sind…

Bunte Bohnen

Bunte Bohnen

Außerdem half ich einer anderen Schwester, die schlechten von den guten Bohnen zu trennen. Die Bohnen sahen echt schon aus, da sie so bunt waren!

Nach dem Mittagessen sortierte ich noch ein bisschen mein Zimmer und half dann wieder der anderen Schwester (dummerweise habe ich den Namen schon wieder vergessen…), Käfer aus dem Reis zu picken. Zum Glück hat sie welche übersehen, wäre ja schade gewesen um die schönen Proteine… Achja, schon eine echt andere Kultur! Aber die essen das ja auch, also werde ich wohl nicht sterben.

Überraschend unerschreckend: Beim Bohnensortieren liefen ein Hahn und eine Henne über den Hof und ich fand es süß, wie sie sich schließlich zusammen in die Sonne legten. Als ich zum Reissortieren rauskam, lief gerade die dritte Schwester mit dem geköpften, noch zuckenden Hahn durch die Gegend. Das blutige „Kopfende“ bewegte sich hin und her. Es war seltsam. Ich war irgendwie echt unberührt. Vielleicht weil ich versuche, mir jedes Mal beim Fleischessen bewusst zu machen, was ich da esse. Ein Huhn musste sterben, damit ich es essen konnte. Es ist nur fair, dass ich es sehen musste.

Nach dem Reiskäferpicken fragte ich die Schwester Lucy (sie ist noch ziemlich jung) um Hilfe, beim Moskitonetzaufbau. Da die Wand und die Decke zu hart waren, mussten wir es an verschiedenen Stellen des Raumes festbinden. Ich finde, jetzt ist es echt gut geworden.

Ich fühle mich wohl hier. Das Zimmer ist schön. Ich habe alle Ecke und Kanten eingesprüht und ein Moskitonetz. Das hier ist ein freundliches, spinnenfreies Zimmer. Die Schwestern sind nett und ich fühle mich total willkommen und geliebt. Trotzdem fühle ich mich zwischendurch einsam. Ich weiß, dass es mit der Zeit besser wird, aber es ist echt frustrierend, wenn man sich nicht ausdrücken kann und man von hundert gesprochenen Wörtern vielleicht drei versteht. Keinen hier zu haben, der das auch erlebt und mich unterstützt, ist irgendwie echt hart. Aber ich bin zuversichtlich! Ich denke, dass hier wird eine schöne Zeit!

Jetzt muss ich zum Abendessen, danach werde ich wohl noch ein bisschen lesen und dann direkt schlafen. Ich war aber echt erstaunlich fit, dafür dass ich quasi die ganze Nacht wach war!

Außerdem hatte ich eigentlich beschlossen, mir den Luxus zu gönnen, mir nicht mehr die Beine zu rasieren. Aber ich glaube, es sind die Beinhaare wegen derer ich mich so bekrabbelt fühle. Ich hoffe, ich habe keine Flöhe von den gestreichelten Katzen. Aber es juckt nicht, es kitzelt eher, also sind es wohl eher keine Flöhe. Adieu Beinhaare, aber dafür mich ich erst einmal in einen Laden kommen… Die Fenster wollte ich hier auch noch putzen, damit mehr Licht reinkommt und Waschmittel für meine Kleidung brauche ich auch noch. Und eine Bibel in Kiswahili und Englisch. Nur falls jemanden meine Einkaufsliste interessiert. Ein Heft zur Unterrichtsvorbereitung wäre auch nicht schlecht.

 

Noch ein paar Fotos

2 Comments

  • Hey Toni,

    Haha echt geil das mit der “Spinne” :D ich wurde am ersten Abend in Ghana gleich mit einer Kakerlake und einer riesigen(!) Spinne im Klo begrüßt. Kannst dich doch eigentlich glücklich schätzen ;)
    Hoffe du hattest einen guten Start in deiner Einsatzstelle und dass es dir gut geht.
    Ich freue mich wieder von dir zu hören!

    Liebe Grüße aus Ghana
    Judith

    • Hey Judith!

      vielen Dank für deinen Kommentar, habe mich sehr gefreut!! :) Ich habe mal direkt deine eMail-Adresse meinem Verteiler hinzugefügt.
      Mir geht es hier eigentlich ganz gut, auch wenn ich mich so alleine in einer Einsatzstelle manchmal etwas einsam fühle… :/ Dafür habe ich aber viel Zeit, um endlich mal ein Buch zu schreiben. ^^
      Ich hoffe, dir geht es gut in Ghana und dass dich die Spinnen nicht aufessen! Schreibe mir doch mal eine Mail und erzähl mal, wie es da so ist! Hier habe ich ja kein Whatsapp, weil ich kein Smartphone mitgenommen habe. Dachte, dass ich so dem Lebensstandard näher komme, aber selbst die Schwestern haben (billige) Smartphones und besonders, wenn ich dauernd die SIM-Karte aus dem Handy holen und in den USB-Stick tun muss und wieder zurück, vermisse ich das Smartphone, alleine um einen mobilen Hotspot machen zu können. :D

      Liebe Grüße aus Tansania,
      Toni

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