Warum?

Da stehst Du nun. Blickst in stiller Verzweiflung auf diese graue, leere Welt hinab. Siehst die leicht im Wind wogenden Gräser, die zerfurchten Felsen, die toten Bäume, die ihre kahlen Äste flehend dem Himmel entgegen strecken. Die kühle Gelassenheit, die einst Dein Herz umfasste, wich der grellen Panik, die nun Deinen Verstand und Dein Herz verschließt.
Hörst Du die lautlosen Schreie der verlassenen Seelen, die hier versuchen ihre letzte Ruhe zu finden? Hörst Du die tosenden Wellen des versiegten Meeres? Oder übertönt Dir Deine nackte Angst alle anderen Geräusche?
Spürst Du, wie der Wind in Deinem dunklen, zerzausten Haar spielt? Spürst Du, wie Deine besudelten Hände in der Luft erzittern? Oder nimmt Dir Deine nackte Angst jegliche Wahrnehmung?
Siehst Du, wie sich der blaue Himmel langsam grau färbt? Siehst Du, wie Deine eisigen, blauen Augen vor Entsetzen weit aufgerissen sind? Oder verdunkelt Dir Deine nackte Angst die Sicht?
Riechst Du, wie der Geruch des Todes sich langsam im Land ausbreitet und Dir bis in die Knochen kriecht? Riechst Du, wie das Blut der verlassenen Seelen leise in den Boden einsickert? Oder stiehlt Dir Deine nackte Angst den Geruchssinn?
Schmeckst Du, wie Dein Mund nach Wasser dürstet? Schmeckst Du, wie Dein eigenes Blut auf deinen Lippen trocknet? Oder hält Dir Deine nackte Angst die Geschmäcker vom Leib?
Stundelang bliebst Du in dieser Position stehen, und alles, was sich bewegt, ist Dein Herz. Alles, was Du wahrnimmst, ist das Grauen, das dich mit eisernen Händen packt und Dir eine Bewegung unmöglich macht. Ein einziges Wort blieb aus dem Kampf zurück, der in deinem Körper wütete und nahezu alles zerstörte. Ein einziges Wort, das Dich vor dem Tod schützt. Warum?
Dabei ist das doch alles Dein eigener Verdienst. Deine eigene Schuld, die Dich nun hier stehen lässt. Es ist nicht an Dir zu fragen: Warum? So viele Leben sind durch Deine Hand beendet worden. So viele Hoffnungen sind durch Deine Hand zerstört worden. So viele verlassene Seelen stellen sich die gleiche Frage, immer und immer wieder: Warum?
Warum fragt jeder nach dem Warum? Es gibt kein Warum? Es gab kein Warum? und es wird auch nie ein Warum? geben. Denn ein Warum? ändert nicht das Leben. Es ist lediglich eine Flucht aus der bitteren Realität, ein naiver Schutz gegen das, wovor man sich nicht schützen kann. Nichts ändert sich. Also stell Dir nicht die Frage: Warum? Sondern ändere etwas. Beantworte dein Warum? mit eigenen Taten. Denn es ist Dein Leben. Und nun ist es an der Zeit, Dein Leben zu leben. Warum tust Du das nicht endlich?
Und immer noch stehst Du da und blickst in diese graue, leere Welt hinab. Gefangen in deinem Warum?

Und was denkst du dazu?