Über den Zusammenhang von Lese- und Buchalter

Am 05. Januar 2016 postete die Facebookseite der Frankfurter Buchmesse den Link zu einem Test, in dem anhand der gegebenen Antworten das reale Alter der Testperson herausgefunden werden soll¹. Der Test an sich besteht aus zehn Anklick-Fragen, bei denen man zwischen mehreren Möglichkeiten auszuwählen hat. Abgefragt werden bevorzugte Bücher, gelesene Autoren und Ähnliches.

Diese Art von Tests gibt es zuhauf im Netz und fast immer dienen sie ausschließlich der kurzfristigen Bespaßung. Ein wissenschaftliches Ergebnis mit Aussagekraft darf man bei ihnen natürlich nicht erwarten, so auch hier nicht. Bereits die erste Frage, in der es darum geht, wie oft der Teilnehmer liest, verrät, wie allgemein und einseitig der Test gehalten ist. Anstatt selbst eine Zahl eintragen zu können, werden vier Auswahlmöglichkeiten vorgegeben, die von fast nie, über ein- bis zweimal im Monat, bis zu mehrere Dutzend reichen. Mehrere Dutzend ist als Antwort völlig übertrieben. Für literarisch Interessierte sind allerdings auch die restlichen Antworten möglicherweise nicht ganz zutreffend.

Ich könnte nun auch noch die restlichen neun Fragen kritisch beurteilen, aber viel mehr interessiert mich die Grundannahme, auf der der ganze Test beruht. Versprochen wird, dass der Test das Alter des Teilnehmers nur anhand der Antworten ablesen kann. Dass bei zehn Fragen und einer beschränkten Auswahlmöglichkeit nicht das präzise Alter ermittelt wird, ist natürlich klar. Von vornherein gibt es feste Endergebnisse.

Im weiteren Verlauf des Tests wird man gefragt, ob man lieber Das Schicksal ist ein Verräter oder Stolz und Vorurteil lesen würde. Diese beiden Bücher haben (abgesehen von der Liebesgeschichte) inhaltlich, stilistisch und entstehungsgeschichtlich überhaupt nichts gemeinsam. Sie werden nur unter einem Grund gegenübergestellt: Ersteres ist relativ neu, letzteres zweihundert Jahre alt. Theoretisch hätten auch zwei komplett andere Bücher zur Auswahl stehen können, es geht nur um den Altersunterschied. Unterschwellig suggeriert die Frage also, dass man ersteres eher als jüngere Person liest, letzteres als ältere Person. Ganz gemäß des Klischees, dass alte Menschen Klassiker lesen und junge Aktuelles.

Man merkt schnell, dass der ganze Test die abgefragten Bücher und Autoren nur den Schubladen “heute” und “gestern” zuordnet. Eigentlich ein ganz simples Muster. Wählt man immer die ältesten Autoren und Werke, erreicht man am Ende ein hohes Alter und vice versa.

Stolz und Vorurteil habe ich persönlich gelesen, als ich 18 war. Das Schicksal ist ein mieser Verräter hingegen noch gar nicht. [Update 03.10.: Inzwischen schon!] Vielleicht sprich ein Buch wie Das Schicksal ist ein mieser Verräter eher eine jüngere Zielgruppe an, aber das heißt doch nicht, dass ausschließlich diese angesprochenen Leute die Bücher lesen. Man darf übrigens nicht vergessen, dass jedes Werk, das man heute als Klassiker bezeichnet, auch mal ein druckfrisches Buch war, wenngleich der Literaturmarkt vor hundert Jahren und mehr noch ein anderer war. Die Anzahl der Menschen, die des Lesens mächtig waren, war gering und die, die es sich überhaupt leisten konnten, neben ihrem harten Arbeitsalltag zum Buch zu greifen, noch viel geringer.

Was ist überhaupt ein Klassiker? Ein Klassiker ist ein Buch, das über viele Jahre stetigen Erfolg verzeichnet, weithin bekannt ist und entweder einen zeitlosen Inhalt besitzt oder bedeutsam und beispielhaft für eine Epoche steht. Trotz aller Ehren ist ein Klassiker genauso ein Buch, das einen Inhalt aufweist, der von dem einen gemocht, von dem anderen nicht gemocht wird.

Richard David Precht sagte 2011 in einem Interview zum deutschen Bildungssystem:
Werther halte ich für einen unglaublichen Kitsch, diese verlogene Sozialromantik, diese ausgestorbene Thematik. Warum liest man nicht Feridun Zaimoglu? Was der über Liebe schreibt, ist viel schöner und wahrhaftiger als der junge Goethe.”²

Ich hingegen halte Werther für ein Stück Kulturgut, das vielleicht das Thema Liebe nicht neu erfunden hat – welches übrigens mitnichten den gesamten Gehalt des Buches ausmacht – aber beispielhaft für den Sturm und Drang steht. Daran sieht man aber gut, dass es immer Geschmackssache bleibt, ob man ein Buch mag oder nicht, unabhängig davon, wie alt es ist. In einer weiteren Frage des Tests wird danach gefragt, welches der aufgeführten dystopischen Werken man am meisten mag. Wenn ich die Tribute von Panem als dystopisches Werk besser finde als 1984 oder Schöne neue Welt, liegt das doch nicht zwingend daran, dass ich jung bin, sondern weil mir die Story oder die Figuren möglicherweise mehr zusagen. In diesem Fall habe ich alle genannten Werke gelesen.

Als Endergebnis wies mir der Test ein Alter von 64 Jahren aus. Der darunterstehende Text sagte: Du scheinst dich in der Literatur sehr gut auszukennen. Du hast bereits eine Menge gelesen und kennst dich nicht nur in verschiedenen Genres, sondern auch in den verschiedenen Epochen aus. Oder bist du etwa eine Bibliothekarin?

Tatsächlich habe ich bereits recht viele Klassiker gelesen, aber deshalb würde ich mich nicht als besonders alt oder gebildet einschätzen. Leute, die in Verlagen arbeiten, müssen sich sogar mit den aktuellen Werken und Strömungen auseinandersetzen, da hilft es nichts, wenn man weiß, was vor hundert Jahren aktuell gewesen ist. Das gilt übrigens auch für Bibliothekare. Bemerkenswert übrigens, dass explizit Bibliothekarin als Form genannt wurde. Der Test weiß ja nicht, ob gerade ein Mann oder eine Frau teilnimmt. Könnte ich nicht auch männlich sein?

Die Bücher von heute werden womöglich einmal die Klassiker von morgen sein. Zumal auch die Definition Klassiker nicht in Stein gemeißelt ist. Ist Günter Grass ein Klassikerautor, obwohl er erst 2015 gestorben ist? Sind Das Parfum oder Der Name der Rose keine Klassiker? Ist Harry Potter kein Klassiker, obwohl die Reihe weltweit mehr als 450 Millionen Bücher verkauft hat bis heute?³ Laut Test nicht.

Ein 64-Jähriger hat rein von der gelebten Zeit her mehr Zeit zum Lesen gehabt als ein Zwanzigjähriger. Aber schließt das von vornherein aus, dass ein Zwanzigjähriger keine älteren Bücher liest? Genauso wenig muss man mit 64 zwingend belesen sein. Es gibt genug ältere Personen, die keinen Wert auf Bücher legen.

Letztlich ist und bleibt dieser Test ein Mittel zur Unterhaltung. Traurig nur, dass solche Klischees überhaupt existieren.

Quellen

¹ de.what-character-are-you.com/d/de/4767/
² http://www.stern.de/kultur/buecher/richard-david-precht-zum-deutschen-bildungssystem-rentner-sollen-ran—-werther–muss-raus-3440076.html
³ http://www.bloomsbury.com/author/jk-rowling/

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