Autorenvorstellung: Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen,
Gefällt mir die Welt.
Ich blick in die Ferne,
Ich seh in der Näh,
Den Mond und die Sterne
Den Wald und das Reh.
So seh ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mirs gefallen,
Gefall ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
Was je Ihr gesehen,
Es sei wie es wolle,
Es war doch so schön!

Am heutigen Tage wäre Goethe 264 Jahre alt geworden. Als er 1832 als alter, berühmter Mann starb, konnte er auf ein langes, abwechslungsreiches Leben zurückblicken; nahezu alle seine Freunde hatte er überlebt.
Mit diesem Beitrag möchte ich jedoch nicht nur Leben und Werk dieses Schriftstellers vorstellen, ich möchte die Begriffe „Dichterfürst“ und „Genius“ verwerfen und zeigen, dass Goethe genauso ein Mensch war wie wir und nicht nur aus Denkmälern, Straßennamen und Kalenderzitaten besteht.

Geboren wurde Johann Wolfgang Goethe am 28. August 1749 in Frankfurt am Main. Sein Vater, ein wenig liebevoller Mann, der darauf bedacht war, dass sein Sohn und die Tochter Cornelia eine gute Erziehung inklusive Bildung genießen, war ein bekannter Jurist, die Mutter – beinahe selbst noch ein Kind – Hausfrau. Für Goethe war der Lebensweg also praktisch schon vorgesehen: er sollte studieren und ebenso Jurist werden. Zunächst sträubt er sich dagegen; in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit schreibt Goethe dazu, dass er nicht als einsamer Mann wie sein Vater enden wolle. Später aber mehr dazu.
Bereits als Junge ist Goethe ehrgeizig und strebsam. Er lernt schnell Französisch und Latein, interessiert sich für Kunst und schrieb für Freunde kleinen Auftragsgedichte. Die Ideen zu Faust und Götz von Berlichingen kommen ihm bereits in dieser Zeit. Auch Dramen und längere Texte schreibt er in seiner Jugend, doch verbrennt er sie später.
Auch mit der Liebe wird er bekannt gemacht: Gretchen heißt seine erste Jugendliebe; das Ende dieser Zeit bricht dem Jugendlichen das Herz.

Im Alter von nur 16 Jahren begibt sich der Jugendliche 1765 nach Leipzig, wo er nach dem Willen des Vaters Jura studieren soll. Dort kommt er mit berühmten Leuten in Kontakt, u.a. dem Schriftsteller Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769), der ihn unterrichtet. Zu einem Treffen mit Lessing (1729-1781), der eine Zeitlang ebenfalls in der Stadt weilt, kommt es von seiner Seite jedoch nicht, was Goethe später bereut.
Er knüpft Kontakte zu Käthchen Schönkopf, der Tochter eines Wirts, aber eine ernsthafte Beziehung entwickelt sich daraus nicht. In seinem Drama „Laune der Verliebten“ stellt er seine Lage der eines anderen verliebten Paares gegenüber; gemeinsam mit den „Mitschuldigen“ gilt dieses Stück als das am längsten erhaltene Werk Goethes.
Die Zeit in Leipzig dauert bis 1768 an. Nachdem Goethe in diesem Jahr einen gefährlichen Blutsturz erlitten und sich davon erholt hat, kehrt er zunächst in die Heimat zurück. 1770 setzt er das Studium fort; nun in Straßburg, wo in dieser Zeit an der Universität noch Deutsch gesprochen wurde. Hier bleibt er bis zu seiner Promotion 1771, doch im selben Jahr ereignet sich auch ein anderes bedeutendes Ereignis für ihn: ein Studienfreund führt ihn nach Sessenheim, einen kleinen Ort außerhalb Straßburgs, wo Goethe Friederike Brion kennenlernte und eine heftige Neigung für sie entwickelt. Nachdem er allerdings sein Studium abgeschlossen hat, drängt es ihn, das elsässische Gebiet zu verlassen und beendet daher im Juni 1771 schweren Herzens die Beziehung. Von seinem Aufenthalt zeugen seine „Sesenheimer Lieder“ – der ersten größeren Sammlung von lyrischen Werken Goethes.

Als frisch gebackener Doktor kommt er nun wieder nach Frankfurt. Lange bleibt er dort allerdings nicht, denn seine Arbeit führt ihn 1772 nach Wetzlar ans Reichskammergericht. Der damals noch beschauliche Ort selbst reizt Goethe nicht, dafür bahnt sich eine neue Liebesgeschichte an: der junge Anwalt verliebt sich in Charlotte Buff, die jedoch bereits vergeben ist. Um die Beziehung nicht zu zerstören, flüchtet Goethe aus Liebe zu ihr zurück nach Frankfurt. Dort veröffentlicht er zunächst anonym „Götz von Berlichingen“, aber das Geschehene lässt ihn nicht los. Dazu kommen seine Querelen mit der Familie La Roche/Brentano, die er nach Wetzlar für eine Woche besucht hat.

In einer Zeit, die von Melancholie geprägt ist, hegt Goethe für kurze Zeit Selbstmordgedanken, probiert sogar aus, inwieweit er sich mit einem Dolch verletzen kann. Diese Phase hält aber nur kurz; dann beschließt er, sich dem Leben zu widmen. Um dies tun zu können, muss er für sich alles, was ihn bedrückt, niederschreiben: die Eifersüchteleien in der Brentanofamilie, seine Zeit in Wetzlar; der Tod eines Bekannten aus dem Wetzlarer Kreis gibt schließlich den unmittelbaren Anlass dazu. Jerusalem – so der Name des jungen Mannes – hat sich in einer ähnlichen Situation wie Goethe gefunden und sich schließlich umgebracht. Weit über die innerländischen Grenzen spricht man über diesen Todesfall.

Goethe kapselt sich im Frühjahr 1774 ab und schreibt in nur vier Wochen seinen Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ nieder, der hauptsächlich auf seinen Erlebnissen in Wetzlar beruht.
Über Nacht wird das Werk und mit ihm der Autor europaweit berühmt. Goethe ist nun „Autor des Werthers“ geworden und vermag diesen Stempel zeit seines Lebens nicht abzulegen, denn kein anderes Werk erreicht zu Lebzeiten solch einen Erfolg wie sein Werther. Selbst Napoleon, wie eine oft erzählte Anekdote besagt, soll das Buch mehrmals gelesen haben. Leider zieht Werther auch viele Nachahmer mit sich: nicht nur die typische Werthertracht (blauer Frack, gelbe Weste und lederne Hosen) wird getragen, sondern Jünglinge erschießen sich nach Werthers Vorbild reihenweise (der Werthereffekt wurde später nach ihm benannt). Goethe tritt dem mit Unverständnis entgegen, denn sein Werk soll die Menschen – so wie ihn selbst – „heilen“ und sie davon abhalten, Gleiches zu tun (zeitlebens wird er eine Abneigung gegen Tod, Gewalt und das “Dunkle” entwickeln, weshalb er auch die Ideen der Romantik ablehnte). Trotzdem ist er der Meinung, dass dieses Werk nur deshalb erfolgreich werden konnte, weil es den Zeitgeist traf.

Nun ein berühmter Mann geworden, will man Goethe sehen, will wissen, wie viel dieser Geschichte der Wahrheit entspricht. Auf diesem Weg wird er auch dem zukünftigen weimarischen Herzog vorgestellt, der ihn herzlich nach Weimar einlädt. Zunächst aber geht es mit Freunden in die Schweiz, außerdem verlobt er sich mit Lili Schönemann. Die Trennung von ihr veranlasst Goethe schließlich dazu, ungewissen Mutes nach Weimar aufzubrechen. Zwar lieben sich die beiden – was zahlreiche Gedichte zeigen – doch es gibt Unstimmigkeiten zwischen beiden Familien und man entschied sich, die Verlobung besser wieder aufzuheben. Wieder einmal flieht Goethe, wobei ihm Weimar gerade recht zu kommen scheint.

Weimar, das damals gerade einmal um die 6000 Einwohner zählte, galt schon damals als kleiner literarischer Mittelpunkt. Goethe trifft dort seinen alten Freund Herder (1744-1803) wieder, dazu Wieland (1733-1813), Charlotte von Stein und andere Personen. Der neue weimarische Herzog Carl August versucht Goethe mit allen Mitteln bei sich zu halten, indem er ihm ein Haus und später den Adelstitel vermacht und ihn zu seinem Minister ernennt. Dieser fühlt sich auch sofort angezogen von der neuen Umgebung. Er verbringt mit seinem neuen Freund noch einige Sturm und Drang Jahre, ehe seine Arbeit dieses zügellose Leben nicht mehr zulassen. Zunehmend fühlt er sich „bedrängt“ und flüchtet 1786 nach Italien, wo er zwei Jahre bleibt. Diese Zeit ist es wohl, die aus dem jungen, wilden Goethe den würdevollen, alten Goethe machte. Italien vermittelt ihm eine neue, antikisierende Welt und legt den Grundstein für seine späteren Ansichten, die in der Weimarer Klassik enden.

Nach seiner Rückkehr wird er von allen Ministertätigkeiten entbunden, trotzdem bleibt er dem Herzog verbunden und verantwortlich. Als Goethe etwa 1788/89 eine Beziehung zu Christiane Vulpius, eine bürgerliche und nicht gerade gebildete Frau, beginnt und ein Kind mit ihr zeugt, wird er aus seinem Haus, das zu dieser Zeit noch dem Herzog gehört, vorübergehend ausquartiert.
1791 übernimmt er die Leitung des Weimarischen Theaters, die er bis 1817 innehält. Poetisch entsteht in dieser Zeit nicht viel; er hält sich im Hintergrund und widmet sich lieber Themen wie der Natur oder der Forschung. Erst Schiller (1759-1805) sollte ihn zu neuen poetischen Leistungen anspornen: zur Freundschaft kommt es allerdings erst 1794, nachdem vorher beide nicht die besten Meinungen voneinander gehabt haben. Danach aber sehen sich die beiden fast täglich, geben gemeinsam die Xenien heraus, veranstalten einen Balladenwettstreit und diskutieren über ihre neuen literarischen Produktionen. Mitte der 1790er erscheinen mit „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Hermann und Dorothea“ zwei sehr erfolgreiche Werke Goethes.

Mit Schillers Tod 1805 enden sowohl das Schaffensbündnis als auch die Weimarer Klassik. Zwar gibt Goethe auch weiterhin Werke wie “Die Wahlverwandtschaften”, Gedichtsammlungen wie den “West-östlichen Diwan” oder seine Autobiografie “Dichtung und Wahrheit” heraus, aber es scheint, dass seine Zeit vorbei ist. Mit der Romantik verträgt er sich nicht besonders gut und die Literaten des Vormärz schätzen Schillers Freiheitsideal höher als den als konservativ geltenden Goethe.
1832 hat Goethe das Ende seiner langen Lebensstrecke erreicht. Seine 83 Lebensjahre gelten damals als sehr viel, nicht zuletzt waren alle seine langjährigen Begleiter tot: neben Schiller auch der Herzog, seine Frau genau wie sein Sohn. Auch seine Familie in Frankfurt lebt schon lange nicht mehr.
Kurz nachdem Goethe 1832 den zweiten Teil von Faust vollendet hat, stirbt er am 22. März. Es scheint, dass er zunächst sein Lebenswerk vollenden wollte, bevor er für immer seine Augen schließen würde.

Nach Goethes Tod nimmt seine Bekanntheit zugunsten Schillers erst einmal ab. Erst im Kaiserreich, das Wert auf seine deutschen Söhne legt, rückt auch Goethe wieder ins Zentrum der Interesse, wo er bis heute verweilt. Straßen und Plätze tragen seinen Namen, beinahe überall findet sich ein Zitat von ihm, wenn auch oft aus dem Zusammenhang gerissen, und seine Werke werden im Unterricht behandelt. Doch ist er es wirklich wert?

Ja, er ist es tatsächlich. Goethe hat in seinen acht Jahrzehnten eine mannigfaltige Auswahl an Werken hinterlassen, die von Gedichten über Dramen zu Romanen und biografische Aufzeichnungen reichen (Philosophische Schriften hat er jedoch nicht hinterlassen – dieses Gebiet war ihm nicht vertraut). Es gibt bei ihm kein Merkmal, das sich durch alle Werke zieht; jede Arbeit steht für sich. Seine Gedichte sind private Teile seiner selbst, in denen man genau lesen kann, wie er sich gerade fühlte. Werther ist einer der gefühlvollsten Romane, die es gibt, Faust zurecht ein beeindruckendes und oft gerühmtes Werk. Sein Schreibstil ist leicht zu verstehen, kommt ohne viel Pathos aus und ist überwiegend wirklichkeitsgetreu – naiv, wie Schiller dazu gesagt hätte.

Das, was ich jedoch ablehne, ist die Art, wie man Goethe heutzutage behandelt. Nicht selten werden Schüler mit ihm „gequält“, ohne sich jemals mit diesem Mann, der ebenso seinen Schwächen und Eigenarten hatte, wirklich befasst zu haben. Stattdessen nennt man ihn „Dichterfürst“, schreibt ihm einen IQ von über 200 zu und betrachtet ihn wie eine unantastbare Statue von unten. Da ist es kein Wunder, dass Schüler mit ihm nichts mehr anfangen können, wenn sie das Bild eines verstaubten, perfekten, überintelligenten Mannes serviert bekommen, der alles konnte, alles machte und überall bekannt ist.
Vielleicht trifft ja dieses Zitat aus den Wahlverwandtschaften wirklich zu?
Ich hörte fragen, warum man von den Toten so unbewunden Gutes sage, von den Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht. Es wurde geantwortet: weil wir von jenen nichts zu befürchten haben, und diese uns noch irgendwo in den Weg kommen könnten.

Lange habe ich gesucht, um ein positives, allgemeines Gedicht oder Zitat zu finden, das abschließend an diese Stelle passen könnte, aber fündig wurde ich nicht, denn es gibt so viele, dass man Seiten damit füllen könnte. Ich entscheide mich daher, den jungen Goethe und mit ihm die Zeit des Sturm und Dranges noch einmal aufleben zu lassen. Ausnahmsweise aber mit keinem Natur- oder Liebesgedicht, sondern mit einem spöttischen, das Goethe 1775 gegen Friedrich Nicolai schrieb, der – als gestandener Aufklärer – Die Leiden des jungen Werthers ablehnte und stattdessen „Die Freuden des jungen Werthers“ mit einem guten Ausgang verfasst hatte. Goethe attackierte ihn daraufhin folgendermaßen:

Ein junger Mann, ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie,
Und ward denn auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei,
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie’s denn so Leute haben.
Der setzt’ notdürftig sich aufs Grab,
Und legte da sein Häuflein ab,
Beschaute freundlich seinen Dreck,
Ging wohl eratmet wieder weg
Und sprach zu sich bedächtiglich:
„Der gute Mensch, wie hat er sich verdorben!
Hätt er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!“

Quellen und Werke zum Weiterlesen:
– Safranski, Rüdiger: Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft, Fischer Taschenbuch 2011.
– Dichtung und Wahrheit, Insel Taschenbuch 1975.

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