Autorenvorstellung: Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen,
Gefällt mir die Welt.
Ich blick in die Ferne,
Ich seh in der Näh,
Den Mond und die Sterne
Den Wald und das Reh.
So seh ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mirs gefallen,
Gefall ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
Was je Ihr gesehen,
Es sei wie es wolle,
Es war doch so schön!
Lynceus, der Türmer. In: Faust II, V. 11287-11303

Heute, am 28.08.2019, wäre Goethe 270 Jahre alt geworden. Als er 1832 als alter, berühmter Mann starb, konnte er auf ein langes, abwechslungsreiches Leben zurückblicken; nahezu alle seine Freunde und Bekannte hatte er überlebt.
Mit diesem Beitrag möchte ich jedoch nicht nur Leben und Werk dieses Schriftstellers vorstellen, ich möchte die Begriffe „Dichterfürst“ und „Genius“ verwerfen und zeigen, dass Goethe genauso ein Mensch war wie wir und nicht nur aus Denkmälern, Straßennamen und Kalenderzitaten besteht.

Ein kleiner Lebensabriss

Geboren wird Johann Wolfgang Goethe am 28. August 1749 in Frankfurt am Main. Sein Vater, ein wenig liebevoller Mann und vor allem darauf bedacht, dass sein Sohn und die Tochter Cornelia eine gute Erziehung inklusive Bildung genießen, ist ein bekannter Jurist, die Mutter – beinahe selbst noch ein Kind – Hausfrau. Für Goethe ist der Lebensweg also praktisch schon vorgeschrieben:: Er soll studieren und ebenso Jurist werden. Zunächst sträubt er sich dagegen; in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit wird er später dazu schreibe, dass er nicht als einsamer Mann wie sein Vater enden wolle.

Bereits als Junge ist Goethe ehrgeizig und strebsam. Er lernt schnell Französisch und Latein, interessiert sich für Kunst und schrieb für Freunde kleinen Auftragsgedichte. Die Ideen zu Faust” und “Götz von Berlichingen” kommen ihm bereits in dieser Zeit. Auch Dramen und längere Texte schreibt er in seiner Jugend, doch verbrennt er sie später. Auch mit der Liebe wird er bekannt gemacht: Gretchen heißt nach eigenen Angaben. seine erste Jugendliebe; das Ende dieser Zeit bricht dem Jugendlichen das Herz.

Die Zeit des “jungen Goethe”

Im Alter von nur 16 Jahren begibt sich Goethe 1765 nach Leipzig, wo er nach dem Willen des Vaters Jura studieren soll. Dort kommt er mit berühmten Leuten in Kontakt, u. a. dem Schriftsteller Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769), der ihn unterrichtet. Zu einem Treffen mit Lessing (1729-1781), der eine Zeit lang ebenfalls in der Stadt weilt, kommt es von seiner Seite jedoch nicht, was Goethe “Dichtung und Wahrheit” zufolge später bereut. Er knüpft Kontakte zu Käthchen Schönkopf, der Tochter eines Wirts, aber eine ernsthafte Beziehung entwickelt sich daraus nicht. In seinem Drama „Laune der Verliebten“ stellt er seine Lage der eines anderen verliebten Paares gegenüber; gemeinsam mit den „Mitschuldigen“ gilt dieses Stück als das am längsten erhaltene Werk Goethes.

Die Zeit in Leipzig dauert bis 1768 an. Nachdem Goethe in diesem Jahr einen gefährlichen Blutsturz erlitten und sich davon erholt hat, kehrt er in die Heimat zurück. 1770 setzt er das Studium fort; nun in Straßburg, wo in dieser Zeit an der Universität noch Deutsch gesprochen wurde. Hier bleibt er bis zu seiner Promotion 1771 (was ihn allerdings nicht dazu befähigte, den Doktortitel zu tragen; dazu hätte ihm eine weitere Prüfung gefehlt). Im selben Jahr ereignet sich ein anderes bedeutendes Ereignis für ihn: Ein Studienfreund führt ihn nach Sessenheim, einen kleinen Ort außerhalb Straßburgs, wo Goethe Friederike Brion kennenlernt und eine heftige Neigung für sie entwickelt. Nachdem er allerdings sein Studium abgeschlossen hat, drängt es ihn, das elsässische Gebiet zu verlassen und beendet daher im Juni 1771 die Beziehung. Von seinem Aufenthalt zeugen seine „Sesenheimer Lieder“ – der ersten größeren Sammlung von lyrischen Werken Goethes.

Als frisch gebackener Doktor kommt er nach Frankfurt. Lange bleibt er dort allerdings nicht, denn seine Arbeit führt ihn 1772 nach Wetzlar ans Reichskammergericht. Der damals noch beschauliche Ort selbst reizt Goethe nicht, dafür bahnt sich eine neue Liebesgeschichte an: Der junge Anwalt verliebt sich in Charlotte Buff, die jedoch bereits vergeben ist. Um die Beziehung nicht zu zerstören, flüchtet Goethe zurück nach Frankfurt. Dort veröffentlicht er zunächst anonym „Götz von Berlichingen“, aber das Geschehene lässt ihn nicht los. Dazu kommen seine Querelen mit der Familie La Roche/Brentano, die er nach Wetzlar für eine Woche besucht hat.

In einer Zeit, die von Melancholie geprägt ist, hegt Goethe für kurze Zeit Selbstmordgedanken, probiert sogar aus, inwieweit er sich mit einem Dolch verletzen kann. Diese Phase hält aber nur kurz; er beschließt, alles, was ihn bedrückt, niederzuschreiben und damit gewissermaßen aus der Welt zu schaffen: die Eifersüchteleien in der Brentanofamilie, seine Zeit in Wetzlar; der Tod eines Bekannten aus dem Wetzlarer Kreis gibt schließlich den unmittelbaren Anlass dazu. Jerusalem – so der Name des jungen Mannes – hat sich in einer ähnlichen Situation wie Goethe gefunden und sich schließlich umgebracht. Weit über die innerländischen Grenzen spricht man über diesen Todesfall.

Im Frühjahr 1774 schreibt Goethe in nur vier Wochen seinen Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ nieder, der hauptsächlich auf seinen Erlebnissen in Wetzlar beruht. Über Nacht wird das Werk und mit ihm der Autor europaweit berühmt. Goethe ist nun „Autor des Werthers“ geworden und vermag diesen Stempel zeit seines Lebens nicht abzulegen, denn kein anderes Werk erreicht zu Lebzeiten solch einen Erfolg wie sein “Werther”. Selbst Napoleon, wie eine oft erzählte Anekdote besagt, soll das Buch mehrmals gelesen haben. Heute kaum bekannt, entfacht das Werk eine unheimlich intensive Rezeption, die keineswegs nur im Tragen der Werthertracht (blauer Frack, gelbe Weste und lederne Hosen) und möglicherweise dem Erschießen zahlreicher Jünglinge nach Werthers Vorbild bestand (ob es wirklich so war, ist umstritten; zumindest wird der Werthereffekt später nach ihm benannt): Zahlreiche Nachdichtungen entstanden, Werke mit positivem Ende, Volkslieder und vieles mehr.

Goethe in Weimar

Nun ein berühmter Mann geworden, will man Goethe sehen, will wissen, wie viel dieser Geschichte der Wahrheit entspricht. Auf diesem Weg wird er auch dem zukünftigen Weimarischen Herzog vorgestellt, der ihn herzlich nach Weimar einlädt. Zunächst aber geht es mit Freunden in die Schweiz, außerdem verlobt er sich mit Lili Schönemann. Die Trennung von ihr veranlasst Goethe dazu, ungewissen Mutes nach Weimar aufzubrechen. Wieder einmal flieht Goethe, wobei ihm Weimar gerade recht zu kommen scheint.

Weimar, das damals gerade einmal um die 6000 Einwohner zählte, galt schon damals als kleiner literarischer Mittelpunkt. Goethe trifft dort seinen alten Freund Herder (1744-1803) wieder, dazu Wieland (1733-1813), Charlotte von Stein und andere Personen. Der neue Weimarische Herzog Carl August versucht Goethe mit allen Mitteln bei sich zu halten, indem er ihm ein Haus und später den Adelstitel vermacht und ihn zu seinem Minister ernennt. Goethe verbringt mit seinem neuen Freund noch einige Sturm und Drang-Jahre, ehe seine Arbeit dieses zügellose Leben nicht mehr zulässt. Als ihm die Arbeit zu viel wird, flüchtet er 1786 nach Italien, wo er zwei Jahre bleibt. Diese Zeit ist es wohl, die aus dem jungen, wilden Goethe den würdevollen, alten Goethe machte. Italien vermittelt ihm eine neue, antikisierende Welt und legt den Grundstein für seine späteren Ansichten, die in der Weimarer Klassik enden.

Nach seiner Rückkehr wird er von allen Ministertätigkeiten entbunden, trotzdem bleibt er dem Herzog verbunden und verantwortlich. Als Goethe etwa 1788/89 eine Beziehung zu Christiane Vulpius, einer bürgerlichen und nur wenig gebildeten Frau, beginnt und ein Kind mit ihr zeugt, wird er aus seinem Haus, das zu dieser Zeit noch dem Herzog gehört, vorübergehend ausquartiert. 1791 übernimmt er die Leitung des Weimarischen Theaters, die er bis 1817 innehält. Poetisch entsteht in dieser Zeit nicht viel; er hält sich im Hintergrund und widmet sich lieber Themen wie der Natur oder der Forschung. Erst Friedrich Schiller (1759-1805) sollte ihn zu neuen poetischen Leistungen anspornen: Zur Freundschaft kommt es allerdings erst 1794, nachdem vorher beide nicht die besten Meinungen voneinander gehabt haben. Danach aber sehen sich die beiden fast täglich, geben gemeinsam die Xenien heraus, veranstalten einen Balladenwettstreit und diskutieren über ihre neuen literarischen Produktionen. Mitte der 1790er erscheinen mit „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Hermann und Dorothea“ zwei sehr erfolgreiche Werke Goethes.

Mit Schillers Tod 1805 enden sowohl das Schaffensbündnis als auch die Weimarer Klassik. Goethe gibt weiterhin Werke wie “Die Wahlverwandtschaften”, Gedichtsammlungen wie den “West-östlichen Diwan” oder seine Autobiografie “Dichtung und Wahrheit” heraus, hat auch noch einige Liebschaften, bis er 1832 das Ende seiner langen Lebensstrecke erreicht. Seine 83 Lebensjahre gelten damals als sehr viel, nicht zuletzt waren alle seine langjährigen Begleiter tot: Neben Schiller auch der Herzog, seine Frau genau wie sein Sohn. Auch seine Familie in Frankfurt lebt schon lange nicht mehr. Kurz nachdem Goethe 1832 den zweiten Teil von Faust vollendet hat, stirbt er am 22. März.

Goethe und seine Rezeption

Nach Goethes Tod nimmt seine Bekanntheit zugunsten Schillers (dessen Freiheitsideal höher als das des als konservativ geltenden Goethe geschätzt wurde) erst einmal ab. Erst im Kaiserreich, das Wert auf seine “deutschen Söhne” legt, rückt auch Goethe wieder ins Zentrum der Interesse. Straßen und Plätze tragen seinen Namen, seine Werke werden im Unterricht behandelt, Büsten, T-Shirts, Poster, Tassen und sogar Salzstreuer mit Goethe lassen sich erwerben. Doch ist er es wirklich wert?

Ja, er ist es tatsächlich. Goethe hat in seinen acht Jahrzehnten eine mannigfaltige Auswahl an Werken hinterlassen, die von literarischen Werken aller Gattungen über naturwissenschaftliche Schriften, biografische Aufzeichnungen und eine unfassbare Zahl an Briefen reichen (philosophische Schriften hat er indes nicht hinterlassen). Es gibt bei ihm kein Merkmal, das sich durch alle Werke zieht; jede Arbeit steht für sich. Sein Schreibstil ist leicht zu verstehen, kommt ohne viel Pathos aus und ist überwiegend wirklichkeitsgetreu – naiv, wie Schiller dazu gesagt hätte. Für die Germanistik ist Goethe wahrlich ein Liebling. Ich glaube, es gibt nichts, was nicht schon bei Goethe untersucht wurde.

Goethe ist genauso eine Beschäftigung wert wie viele andere Dichter auch. Nicht mehr und nicht weniger. Man kann ihn mögen oder auch nicht. Bedenklich finde ich allerdings, in welcher Art mit ihm umgegangen wird, sei es in den Medien oder im Bildungskontext. Nicht selten werden Schüler mit ihm „gequält“, ohne sich jemals mit diesem Mann, der ebenso seinen Schwächen und Eigenarten hatte, und seinen Schriften wirklich befasst zu haben. Stattdessen nennt man ihn „Dichterfürst“, schreibt ihm einen IQ von über 200 zu und betrachtet ihn wie eine unantastbare Statue von unten. Goethezitate schmücken Wandtattoos, Websiten und gebildet klingen wollende Formulierungen und das oft, ohne dass die Person, die die Zitate verwendet, weiß, woher es stammt und in welchem Kontext es eigentlich gesagt wurde.

Da ist es kein Wunder, dass Schüler mit ihm nichts mehr anfangen können, wenn sie das Bild eines verstaubten, perfekten, überintelligenten Mannes serviert bekommen, der alles konnte, alles machte und überall bekannt ist. Vielleicht trifft ja folgendes Zitat aus den “Wahlverwandtschaften” wirklich zu?
Ich hörte fragen, warum man von den Toten so unbewunden Gutes sage, von den Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht. Es wurde geantwortet: weil wir von jenen nichts zu befürchten haben, und diese uns noch irgendwo in den Weg kommen könnten.

Also warum nicht mal etwas bringen, was man nicht unbedingt mit Goethe in Verbindung bringt? Als Reaktion auf das seines Erachtens nach misslungene Ende des “Werthers” schrieb Friedrich Nicolai “Die Freuden des jungen Werthers”. Goethe attackierte ihn daraufhin folgendermaßen:

Ein junger Mann, ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie,
Und ward denn auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei,
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie’s denn so Leute haben.
Der setzt’ notdürftig sich aufs Grab,
Und legte da sein Häuflein ab,
Beschaute freundlich seinen Dreck,
Ging wohl eratmet wieder weg
Und sprach zu sich bedächtiglich:
„Der gute Mensch, wie hat er sich verdorben!
Hätt er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!“

Aktualisiert anlässlich des 270. Geburtstags am 28.08.2019.

Weitere Artikel auf dieser Website, die mit Goethe zu tun haben:
Wissenswertes über Klassiker: Goethe und Schiller
Buchbesprechung: John von Düffel: Goethe ruft an – Von Leuten, die immer im Schatten stehen, anstatt selbst einen zu werfen
Buchbesprechung: Stefan Bollmann: Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist

Quellen und Werke zum Weiterlesen:

Zitierfähige Werkausgaben:
Johann Wolfgang Goethe: Werke, hrsg. von Erich Trunz, 14 Bde., 1 Reg.-Bd., Hamburg: Wegner 1948-1964 (Neubearb. München: Beck 1981) [= Hamburger Ausgabe].
Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, hrsg. von Dieter Borchmeyer [u. a.] 2 Abt., 40 Bde., Frankfurt/M.: 1985-2013 [= Frankfurter Ausgabe].
Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Hrsg. von Karl Richter, 21 Bde. (in 33 Tln.), München: Hanser 1985-1999 [= Münchner Ausgabe].

Handbücher/Lexika/Bibliographien.
Helmut G. Hermann: Goethe-Bibliographie. Literatur zum dichterischen Werk. Stuttgart 1991.
Goethe-Handbuch. Hrsg. von Bernd Witte [u. a.]., 5 Bde. (in 6 Teilbdn.), Stuttgart und Weimar 1996-1998.
Gero von Wilpert: Goethe-Lexikon, Stuttgart 1998.

Zu Goethes Leben:
Johann Wolfgang Goethe: Dichtung und Wahrheit. Hrsg. von Walter Hettche. Stuttgart 1998 (Von Goethes Autobiographie gibt es zahlreiche Ausgaben – nicht zuletzt natürlich die in den Werkausgaben).
Karl Otto Conrady: Goethe. Leben und Werk, 2. Aufl. Düsseldorf und Zürich 1999.
Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München 2009.
Bernd Hamacher: Johann Wolfgang von Goethe. Entwürfe eines Lebens. Darmstadt 2010.
Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. München 2013.

Zur Werther-Rezeption:
Ingrid Engel: Werther und die Wertheriaden. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte. St. Ingbert 1986 (= Saarbrücker Beiträge zur Literaturwissenschaft, Bd. 13).
Klaus R. Scherpe: Werther und Wertherwirkung. Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18. Jahrhundert. 3. unv. Aufl. Wiesbaden 1980.
Karin Vorderstemann: “Ausgelitten hast du – ausgerungen.” Lyrische Wertheriaden im 18. und 19. Jahrhundert. Heidelberg 2007 (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Bd. 242).

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