Theater verstehen – 1. Teil: Theatralität im Alltag

Neben Germanistik studiere ich im Zweitfach auch Theaterwissenschaft, ein Fach, von dessen Inhalt ich zunächst ziemlich überrascht wurde. Theaterwissenschaft beschäftigt sich nämlich nicht mit der textlichen Grundlage einer Aufführung, wie man vielleicht denken mag, sondern mit der Aufführung selbst. Nichtsdestotrotz habe ich während meines ersten Semesters viele interessante Sachen gelernt, die ich auf unserer Website in einer kurzen Reihe vorstellen möchte. Das Theater hat ja trotzdem meist einen Bezug zur Literatur.

Den Anfang macht ein kurzer Artikel, der zeigen soll, dass Theater bzw. Theatralität uns im täglichen Leben gar nicht so fremd sind, auch wenn wir vielleicht nicht oft ins Theater selbst gehen.

Theatralität im Alltag

Theatralität ist ein relativ neuer Begriff aus der Theaterwissenschaft und ist abzugrenzen von der Theatralik, die im Sprachgebrauch für übertriebenes Verhalten benutzt wird.

Unter Theatralität versteht man grob gesagt alles, was eine Theateraufführung auszeichnet: Eine hervorgehobene Situation, eine feste Dramaturgie, Schauspieler, Repräsentation durch Rollen, Kostüme, Licht, Musik etc. Theatralität kann aber auch fernab der Bühne auftauchen. Nehmen wir ein typisches Element des Theaters, das Kostüm. Kostüme müssen nicht immer prunkvolle Kleider sein, je nach Kontext kann auch eine Latzhose und sogar Nacktheit als Kostüm fungieren. Wenngleich wir Kostüme häufig mit Theater in Verbindung bringen, sind sie nicht darauf beschränkt.
Fastnacht oder Halloween wäre ohne sie kaum vorzustellen. Selbiges gilt für die anderen von mir genannten Aspekte. Auch ganze Ereignisse können theatral sein bzw. theatrale Aspekte aufweisen. Da dies bei Fastnacht etwas schwierig zu bestimmen ist, nehmen wir ein anderes Beispiel: Öffentliche Hinrichtungen. Wir haben das Schafott als hervorgehobenen Ort – gewissermaßen als Bühne -, Akteure wie den Scharfrichter und die hinzurichtende Person, die durch bestimmte Kleidung oder Verhaltensweisen eindeutig zu identifizieren sind, ein Publikum, das dem Geschehen beiwohnt und zu dem eine klare Abtrennung besteht, sowie festen Ablauf. Wäre das Theater? Natürlich nicht, weil Theater im engen Sinne konsequenzvermindert ist, d. h. keine über die Dauer der Aufführung bestehenden körperlichen Konsequenzen für Akteure und Publikum bestehen. Ungeachtet dessen enthält dieses Schauereignis eine Menge theatraler Aspekte, wie wir gesehen haben.

Theoretisch könnte man alle möglichen Ereignisse auf ihre Theatralität überprüfen und es gibt eine Vielzahl an theoretischen Modellen, die bemüht sind, Alltag, Theatralität und Theater voneinander abzugrenzen.

“Man erlebt seine Existenz in jedem Augenblick mindestens auf drei Ebenen: Wie man ist, wie man zu sein glaubt, wie man erscheinen möchte.”
– Jean-Louis Barrault

Inszenierung

Ein Grundbegriff der Theatralität ist die Inszenierung. Eine der ersten Sachen, die wir im Studium gelernt haben, war, dass beinahe unser ganzes Leben aus Inszenierungen besteht. Inszenierung bedeutet das In-Szene-setzen von sich selbst. Wann immer wir eine Tat bewusst ausführen, um bei einem Betrachter einen bestimmten Eindruck zu bewirken, inszenieren wir uns. Jeder von uns kennt vermutlich die Situation, jemanden zu treffen, dem man nicht begegnen willl. Automatisch übernimmt man die Kontrolle über seine Augen und blickt weg oder starr nach vorne, damit die andere Person denkt, dass man sie selbst nicht gesehen hat. Genauso ist es bei vielen, die einen Account bei einem sozialen Netzwerk haben. Man lädt bewusst ein Bild hoch, das man möglicherweise zuvor bearbeitet hat, um etwa zu zeigen, dass man in Urlaub war. Und selbst wenn man bewusst keine Bilder hochlädt, vertritt man damit eine Aussage, nämlich, dass man Wert auf Privatsphäre legt oder soziale Netzwerke ablehnt. Auch im Supermarkt oder in der Werbung werden Produkte bewusst so platziert und präsentiert, dass sie gekauft werden.

Rolle und Rahmen im Alltag

Ein weiterer Begriff, den man mit Schauspiel in Verbindung bringt, ist die Rolle. Der Soziologe Erving Goffman hat sehr schlüssig gezeigt, dass nicht nur Schauspieler in Rollen schlüpfen, sondern jeder von uns täglich.¹ Was zeichnet eine Rolle aus? Nehmen wir an, eine Person namens Peter Müller spielt Hamlet. Das bedeutet, Peter ist Schauspieler, der die Rolle jener Shakespearefigur annimmt. Verbunden mit dieser Rolle sind bestimmte Erwartungen und Vorgaben. So muss er den Hamlet möglichst überzeugend darstellen, laut genug sprechen und seinen Text können. Diese Rolle nimmt Peter an einem Abend an. Am nächsten Morgen ist er weder als Schauspieler noch als Hamlet aktiv, sondern als Peter, der ein Frühstück einnimmt.

Diese Situation kann man auf jede beliebige Person übertragen. Wenn der kleine Max aufsteht, ist er Sohn. In dieser Rolle sollte er seinen Eltern gehorchen und bestimmte Tätigkeiten erfüllen. Wenn er in den Bus steigt, ist er Fahrgast. Auch dort gelten Regeln, die Max gelernt hat und einhalten muss. In der Schule wiederum ist er Schüler. Die Erwartungen und Regeln wechseln also mit dem Rahmen.² Schüler ist Max natürlich auch noch, wenn er zuhause ist, weil das seine „übergeordnete Tätigkeit“ ist, aber er führt diese Rolle nicht aktiv aus. Die Rahmenbedingungen sind zuhause andere als in der Schule, er muss dort nicht ruhig sein oder sich melden, um etwas zu sagen.

Am deutlichsten wird diese Rollenverteilung bei jemandem, der unter einem Künstlernamen auftritt. Cindy aus Marzahn beispielsweise ist eine Rolle, die von einer Frau namens Ilka Bessin gespielt wird, die in ihrer Rolle durch ihren rosafarbenen Anzug und derbe Sprüche auffällt. Im Alltag ist sie vermutlich eine gewöhnliche Frau, die niemandem auffällt, weil sie keine rosafarbenen Anzüge trägt.

Ich hoffe, mit diesem Artikel deutlich zu machen, wie sehr uns Aspekte, die sich mit dem Theater beschäftigen und mit denen sich die Theaterwissenschaft beschäftigt, auch im Alltag begegnen, selbst wenn wir mit keiner der beiden Institutionen etwas zu tun haben.

Hier geht es weiter mit einer Gegenüberstellung von Theater und Kino.

Quellen

¹Erving Goffman: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München 1998. Erstmals 1959 veröffentlicht.
² Auch dazu hat Goffman ein Buch geschrieben mit dem Namen Rahmen-Analyse (1977).

2 Comments

  • Vor allem ist diese Selbstinszenierung so in uns verankert, dass man gar nicht mehr merkt, dass man sich darstellt. Wer denkt schon noch ernsthaft darüber nach, wenn er beispielsweise bei Facebook sein Profil ausfüllt? Und trotzdem stellt er allen zur Schau, welche Bands er hört, welche Filme er mag usw.

  • Ich gehe zwar gerne ins Theater, aber so wie du Theater im Alltag darstellst, habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht. ^^ Aber du hast recht, wir spielen konstant Rollen uns inszenieren uns selbst. Schon irgendwie traurig, dass niemand einfach er selbst sein kann, ohne etwas anderes darstellen zu müssen oder zu wollen…

Und was denkst du dazu?