Veröffentliche – oder gehe unter. Das Phänomen „Publish or Perish“ und seine Folgen als Problem des Wissenschaftsbetriebs

Über Raubverlage, “Fake Science” und die Probleme des Wissenschaftsbetriebs

Im Sommer 2018 publizierten Journalisten der ARD und der Süddeutschen Zei­tung die erschreckenden Ergebnisse eines wissenschaftlichen Selbstversuchs: Unter falschem Namen (inklusive erdachter Universität) hatten sie einen sinn­freien, völlig unwissenschaftlichen Aufsatz verfasst und bei dem pseudowissen­schaftlichen Verlag WASET eingereicht – mit Erfolg. Ohne Einsprüche oder inhalt­liche Korrek­turen wurde der Artikel im verlagseigenen Journal veröffent­licht und die Journalisten im Anschluss gegen eine Ge­bühr zu ei­ner Pseudo-Konferenz einge­laden, wo sie ihre falschen Ergebnisse unbe­helligt vortru­gen (vgl. Eckert/Hornung 2018). Die Resultate dieser Re­cherche sind bei­leibe kein Einzelfall. In den ver­gangenen Jahren sind auf der gan­zen Welt wiederholt der­artige Versuche mit ähn­lich brisanten Ergebnissen an­gestellt wor­den, etwa von John Bohannon (2013). 2014 deckte der In­formatiker Cyril Labbé auf, dass zwi­schen 2008 und 2013 120 computer­generierte Artikel in Fachzeit­schriften für In­formatik erschie­nen sind (vgl. Lokshin 2014).

All diese Beispiele offenbaren ein Problem des Wissenschaftsbetriebs, welches auch als „Publish or Perish“ bezeichnet wird: Immer mehr Wissenschaftler ste­hen unter Publikationsdruck, weshalb sie (mitunter auch unsinnige) Artikel in sogenannten „Raubverlagen“ veröffentlichen, um auf diese Weise schnell und einfach eine neue Publikation vorweisen zu können. Eine große Anzahl an Publi­kationen ist wiederum notwendig, um beruflich voranzukommen und das eigene Renommee zu stei­gern. Die wissenschaftliche Integrität und Qualität der Publikationen bleiben dabei oftmals auf der Strecke.

Veröffentliche oder gehe unter. Zur Problematik von „Publish or Perish“

„Publish or Perish“ oder zu Deutsch „Veröffentliche oder gehe unter“ wurde so­eben als ein Problem des Wissenschaftsbetriebs eingeführt. Doch woher kommt diese Praktik überhaupt? Und was ist an ihr so problematisch? Zunächst einmal steht ein ganz pragmatischer Nutzen dahinter. Wenn Forscher Ergebnisse er­zielen, un­abhängig davon, ob dies in einer Natur- oder einer Geistes-, Kultur- oder Sozial­wissenschaft geschieht, publizieren sie diese, um die Öffentlichkeit – und das bedeutet in aller Regel zuerst einmal weitere Forscher – über die Ergeb­nisse zu informieren. Dadurch kann diese sich damit auseinandersetzen, Kritik üben und ggf. daran anknüpfen. Niemand hat etwas davon, wenn Befunde un­gesehen in einer Schublade verweilen; ganz im Gegenteil, Ergebnisse sollen für alle zugänglich und rezi­pierbar sein, weshalb Publizieren ein essentieller Be­standteil der Wissenschaft ist.

Als problematisch daran erweist sich der Druck, der im Wissenschaftsbetrieb herrscht und dem sich vor allem Nachwuchswissenschaftler ausgesetzt sehen. Um sich langfristig in der Wissenschaft durchsetzen zu können, sich einen Na­men zu ma­chen, Gelder für Forschungen zu bekommen, zu Konferenzen, Ta­gungen, In­terviews o. Ä. eingeladen zu werden, gilt es, möglichst viel zu ver­öffentlichen. Eine lange Publikationsliste ist in diesem „System“ der Nachweis dafür, ein fleißiger, „guter“ Wissenschaftler zu sein. Wer im Um­kehrschluss nur wenig und langsam veröffentlicht, hat geringere Chancen darauf, Bedeutung zu erlangen.

Ausdruck findet dieser Sachverhalt unter anderem im sogenannten h-Index, der auf den Physiker Jorge E. Hirsch (2005) zurückgeht. Der h-Index fungiert als Kenn­zeichen für das weltweite Ansehen eines Wissenschaftlers und er­rechnet sich aus der Anzahl der Publikationen und der Gesamtzahl der Zitationen eines Wissenschaftlers in an­deren Texten. Zur Ermittlung dieser Werte dienen Datenbanken (z. B. Web of Science oder Google Scholar), die Zitierungen nach­weisen. Je höher die entsprechenden Werte, desto höher ist auch der h-Index. Die reine Publikation reicht hier also nicht aus, um als angesehen zu gel­ten, man muss obendrein noch oft zitiert worden sein.

Nicht zu unrecht ist der h-Index kritisiert worden und Studien wie die von Clemens Fell (2010) zeigen auf, wie unsicher und wenig aussagekräftig diese Werte sind. Noch problematischer daran ist indes die Denkweise, dass die Quantität der Publikationen etwas über die Qualität und Bedeutsamkeit des entsprechenden Wissenschaftlers aussagen soll. Dies ist jedoch – nicht nur in der Wissen­schaft – nicht automatisch der Fall. Ein einzelnes Werk kann qualitativ hochwertiger sein als zehn zusammen, was weder h-Index noch eine lange Publikationsliste abbilden. Trotzdem be­einflussen bibliometrische Kennzeichen wissenschaftliche Karrieren, was sich mit Beobachtungen aus meinem Alltag deckt: Etablierte Wissenschaftler mit ei­ner sicheren Position und einem guten Ruf veröffentlichen häufig weniger als junge Wissenschaftler, die noch am Beginn ihrer Karriere stehen (allerdings steigt die Anzahl ab einem gewissen Rang – meist Univ.-Prof. – interessanterweise wieder an).

Was sind nun die tatsächlichen negativen Folgen, die sich aus dem Phänomen „Publish or Perish“ ergeben? Zur besseren Übersicht möchte ich diese Folgen in drei Kategorien einteilen, wobei sich Ähnlichkeiten und Überschneidungen zwangs­läufig ergeben: 1. Folgen für die Lehrtätigkeit, 2. Folgen für die Wissenschaftler/innen, 3. Folgen für die Wissenschaft.

Folgen für die Lehrtätigkeit

Zuerst zu den Folgen für die Lehrtätigkeit. Diese scheinen auf den ersten Blick marginal zu sein, zumal nicht jeder Wissenschaftler an einer Universität oder ähnlichen Bildungseinrichtung lehrt. Doch gerade aus Sicht von Studieren­den sind die Folgen nicht marginal. Aufgrund des Publikationsdrucks kommt es nämlich oft genug zu einer Vernachlässigung der Lehre seitens der Lehrenden. So ist es keine Seltenheit, dass ganze Seminare aus wöchentlichen neunzig­minütigen Vorträgen der Studierenden bestehen, die aktive Teilnahmeleistung also dazu benutzt wird, die Sitzungen zu füllen, weil die Lehrenden keine Zeit und aufgrund des Drucks möglicherweise auch keine Lust haben, ein ei­genes Seminarprogramm zu entwerfen. Ebenso erklang von Dozenten schon die Aussage, dass sie die Zeit, die sie zum Korrigieren von Hausarbeiten benötigen, lieber in eigene Aufsätze oder Vorträge investieren würden. Ebenso sind Sitzungen bereits ausgefallen, weil Lehrende forschen müssen, statt innova­tiven Seminarthemen wurden uninspirierte, lediglich oberflächlich angeschnittene und mög­licherweise nur „auf­gewärmte“ Sachverhalte behandelt und denkbar ist auch (dazu habe ich allerdings keine Erfahrungen gemacht), dass Dozenten gar falsche Fakten ver­mitteln.

Folgen für die Wissenschaftler/innen

Zweitens hat „Publish or Perish“ auch Folgen für die Wissenschaftler/innen selbst. Ne­ben der psychischen Belastung und der permanenten Unsicherheit, die durch den Druck auf die Nachwuchswissenschaftler/innen entstehen können, führt diese Praktik auch zu Konkurrenzkämpfen. Man möchte nicht nur schnell seine Ergebnisse publizieren, sondern nach Möglichkeit auch vor anderen, die vielleicht zur glei­chen Zeit im gleichen Gebiet forschen.
Auf der einen Seite ist Konkurrenz per se etwas Positives, da sie die Effizienz und Produktivität der Forschenden steigert (vgl. Fanelli 2010:1). Gleichzeitig stellt sie allerdings auch eine Gefahr für die wissenschaftliche Integrität dar. Wie aus Fanelli (2010:2) hervorgeht, zeigen Umfragen, dass Kon­kurrenz in der Wissenschaft die Wahrscheinlichkeit verringert, wissenschaftlichen Idealen zu folgen und die Wahrscheinlichkeit erhöht, wissenschaftliches Fehlverhalten zu beob­achten. Anstatt sich auf seine eigene Forschung zu konzentrieren, rückt der Wett­streit ins Zentrum. Die Arbeit der Konkurrenz wird kritischer beäugt und unter Umständen sabotiert. Sich gegenseitig Bücher und Arbeitsmaterialien weg­zunehmen, scheint nach Hörensagen nicht nur ein unter Studierenden existie­rendes Phänomen zu sein.

Folgen für die Wissenschaft

Diese Umstände stehen in direktem Zusammenhang mit den Folgen für die Wissenschaft, sowohl was ihre Ergebnisse, als auch ihre Glaubwürdigkeit be­trifft. Der Kampf um Forschungsgelder, hohe Positionen und Aner­kennung so­wie der daraus resultierende Druck, viel zu publizieren, hat eine Fülle an Ver­öffentlichungen von teilweise minderer Qualität und eine Unüber­sichtlichkeit über alle Publikationen zur Folge – ein Sachverhalt, den die Deutsche Forschungs­gemeinschaft (DFG) bereits im Jahr 1998 festgestellt hat (vgl. DFG 2013:42f.).

Folgt man der Position von Hubertus Kohle, Professor für Kunstgeschichte an der LMU München, stelle diese Publikationsfülle, die er auf die wachsende Zahl an Wissenschaftlern – gerade in den Geisteswissenschaften – zurückführt, kein Problem dar, da in Zeiten von elektronischen Medien Publikationen platz- und kostensparend präsentiert werden können (vgl. Kohle 2011). Sicherlich ist es richtig, dass im Internet Publikationen langfristig und in großen Mengen einen Platz finden. Die Unübersichtlichkeit besteht trotzdem, wird meines Erachtens sogar noch größer, da prinzipiell jeder eine Website eröffnen und Texte hochladen kann, ohne dass diese in einem zentralen Register erfasst wer­den. Und dass die Masse an Publikationen nicht allein von der gestiegenen Zahl an Forschern herrührt, zeigt sich daran, dass sich anders nicht die Strategien man­cher Wissenschaftler erklären ließen, um ihre Publikationsliste zu vergrößern. So ist es keineswegs unüblich, dass Forscher ihre Ergebnisse oder Teile davon geringfügig umfor­muliert in verschiedenen Publikationen ver­öffentlichen und sich da­bei gerne selbst zi­tieren, dass sie Veröffent­lichungen in mehrere Teile zerlegen und einzeln publi­zieren oder Gruppen mit anderen Forschern bilden, um sich ge­genseitig zu zitieren. Ebenso kommt es vor, dass Wissenschaftler als Co-Autoren oder Mit-Herausgeber fungieren, ohne et­was Nennenswertes zu einer Veröffent­lichung beigetragen zu haben. Die Kreati­vität, die Wissenschaft eigentlich aus­zeichnen sollte, hat sich hier – so möchte man sagen – in eine eher ungute Richtung entwickelt.

Einer weiteren „Optimierungsstrategie“ ist Fanelli (2010) nachgegangen. Er hat gezeigt, dass es in vielen Fällen wahr­scheinlicher ist, dass Aufsätze veröffent­licht, zitiert und von hochangesehenen Zeitschriften bzw. Peer-Reviewern aus­gewählt werden, wenn sie ihre anfangs aufgestellte These am Ende der Unter­suchung bestätigen. Dieses Vorgehen, das laut Fanelli auf soziologische und psychologische Gründe zurückführen ist (Be­stätigungen machen glücklicher und ziehen mehr Interessierte an), ist an sich irreführend, da alle Ergebnisse gleich wichtig für die Wissenschaft sind, solange sie unter Berücksichtigung von wissen­schaftlichen Kriterien und Methoden produziert wer­den (vgl. Fanelli 2010:1). Auch die Falsifikation einer These kann gut gemachte Wissenschaft sein – man­che Fragen können sogar erst mit diesem Prinzip beantwortet werden (vgl. dazu etwa die Theorien des Wissenschaftstheoretikers Karl Popper). Wider­legen die Ergeb­nisse einer Untersuchung die These, tendieren Wissen­schaftler ungeachtet dessen eher dazu, sie nicht zu veröffentlichen oder ein verifi­zierendes Resultat daraus zu machen. Dazu werden entweder nur veröffentlichungs­würdige Ergebnisse herausgenommen und publiziert, oder die These wird im Nachhinein umformuliert (sogenanntes Harking). Auch willentliche Fälschungen können ange­stellt werden (vgl. Fanelli 2010:1).

All diese Optimierungsstrategien führen im End­effekt zu einer Vernachlässigung wissenschaftlicher Standards. Wissenschaft soll verständlich, nachprüfbar, unabhängig und integer sein. Wenn es allerdings hauptsächlich darum gehen muss, seinen Namen bekannt zu machen, hat nicht nur der Gehalt und die Aussagekraft der wissenschaftlichen Ergebnisse darunter zu leiden, sondern die Wissenschaft allgemein, deren Seriosität untergraben wird.

“Predatory Publishing” – Wie mit Publikationsdruck Geld gemacht wird

Eine extreme Form der Vernachlässigung wissenschaftlicher Standards stellt die eingangs erwähnte Praktik der pseudowissenschaftlichen Raubverlage dar, auch „Predatory Publishing“ genannt. Man versteht darunter das betrügerische Ge­schäftsmodell mancher Open-Access-Verlage, die sich als vertrauenswürdige wissenschaftliche Plattformen tarnen, im Endeffekt jedoch keinerlei wissen­schaftliches Interesse haben, sondern von rein ökonomischen Standpunkten aus agieren. Geprägt wurde der Begriff von dem ehemaligen Bibliothekar Jeffrey Beall, der auf seinem Blog bis Januar 2017 eine Liste mit potenziellen Raub­verlagen führte.
Die Helmholtz-Gesellschaft (2018) unterscheidet zwei Arten von „Predatory Pu­blishing“: Erstens die „Predatory Journals“, d. h. Zeitschriften, die gegen die Zah­lung einer Publikationsgebühr Artikel veröffentlichen, dafür aber keinerlei Qua­litätssicherung durch Peer-Review, also die Kontrolle durch andere Wissen­schaftler, betreiben. Nach einer Studie von Shen/Björk (2015) ist die Zahl der in solchen Verlagen veröffentlichten Artikel von 53000 im Jahr 2010 auf 420000 im Jahr 2014 gestiegen, mehr als 5000 Wissenschaftler deutscher Hoch­schulen haben dort publiziert (vgl. Eckert/Hornung 2018).

Zweitens die „Predatory Conference Organisers“, bei denen es sich meist um dieselben Hintermänner wie bei den Pseudo-Verlagen handelt und die unter an­sprechenden Titeln unseriöse Konferenzen organisieren, zu deren Teilnahme sie Forschende häufig mittels aggressiver Werbung auffor­dern. Die tatsächlichen Konferenzen werden in kleinen Hotelräumen abgehalten. Es gibt keinen Zu­sammenhang zwischen den Vorträgen und auch keine Diskussionen, stattdessen prä­sentieren die Teilnehmenden unkommentiert ihre Befunde (vgl. Eckert/ Hornung 2018, Grotelüschen 2018).

Kohle (2011) behauptet (wenngleich er sich nicht explizit auf Raubverlage bezieht), dass man digital keine Qualitätssicherung wissenschaftlicher Artikel brauche, da alles, was irrelevant oder schlecht sei, einfach nicht abgerufen oder negativ bewertet werde. Stattdessen habe alles, was vorher aufgrund des Peer-Review unveröffentlicht blieb, jetzt eine Chance. Dies halte ich für eine sehr naive und gefährliche Ansicht. Die Praktik des ungeprüften Veröffentlichens im wissenschaftlichen Gewand schadet einerseits der Wissenschaft, indem auf deren Kosten und häufig auch auf Kosten der Bevölkerung, da mit öffentlich fi­nanzierten Geldern dort veröffentlicht wird, schamlos Umsatz gemacht wird – laut Recherchen erzielt der Pseudo-Verlag WASET einen Jahresumsatz von drei Millionen Euro (vgl. Eckert/Hornung 2018) –, und unseriösen Autoren, Lobby­isten und Unternehmen ein Raum geboten wird, schädliche oder kommerziell getönte Ansichten zu verbreiten. Selbst wenn das Internet groß ist, es gibt im­mer jemanden, der auf einen Artikel klickt und dort im Glauben, seriöse Wissen­schaft vor sich zu haben, auf die Masche eines Konzerns hereinfällt.

Wissenschaftler zwischen Publikations- und Profilierungsdruck – Was sind die Lösungen?

All diese Auswirkungen zeigen, wie „Publish or Perish“ dazu führen kann, dass statt der Ausübung hochwertiger Wissenschaft die schnelle Publikation zur Stär­kung des eigenen Ansehens in den Vordergrund rückt. Gerade in den aktuellen Zeiten, in denen Institutionen wie die Medien und Begriffe wie Wahrheit verstärkt hinterfragt werden, sollte die Wissenschaft nicht ebenfalls in den Verruf geraten, willkürliche oder verfälschte Sachverhalte zu verbreiten.

Wie könnten nun konkrete Lösungen für dieses Problem aussehen? Einerseits verweist „Publish or Perish“ auf eine urmenschliche Eigenschaft: Die Suche nach sozialer Anerkennung. Diese lässt sich nicht abschalten, was auch gar nicht wünschenswert wäre. Den einzelnen Nachwuchsforschern lässt sich nur schwer ein Vorwurf machen. Wer nicht mitzieht, bleibt eben auf der Strecke. Stattdessen müsste versucht werden, den Druck zu mildern. Ich möchte dafür zwischen wissenschaftsinternen und wissenschaft­sexternen Lösungs­ansätzen unter­scheiden. Wissenschaftsintern wäre es sinnvoll, das Renommee ei­nes Wissen­schaftlers nicht an der Anzahl seiner Publikationen zu messen, son­dern an deren Qualität. Erstmals 1998 und erneut 2013 hat die DFG einen Katalog mit Empfehlungen zusammen­gestellt, der unter anderem festschreibt, dass Qua­lität stets vor Quantität anzu­siedeln sei (vgl. DFG 2013:20). Auch wurden bereits Gegenmaß­nahmen ein­geleitet: So brauchen Projektantragsteller bei der DFG nur noch fünf eigene Titel aufzulisten, um zu belegen, dass sie für die Bearbeitung eines vorge­schlagenen Vorhabens ge­eignet seien (vgl. Kohle 2011). Publika­tionen wie die von Lack/Markschies (2008) oder Matthies/Simon (2008), die sich mit der Qualitäts­sicherung in der Wissenschaft auseinander­setzen, zei­gen, dass ein Bewusstsein für das Problem grundsätzlich vorhanden ist.
Wissenschaftsextern würde eine bessere Förderung der Wissenschaft sicher dazu beitragen, den Druck von den Wissenschaftlern zu nehmen. Wenn mehr Stellen und Gelder für Forschungsprojekte bereitstünden – und zwar nicht nur für längst renommierte Namen und Institutionen –, könnten Forscher sich wieder stär­ker darauf kon­zentrieren, hochwertige Wissenschaft zu betreiben.

Zuletzt wäre danach zu fragen, ob das Phänomen „Publish or Perish“ in dieser Aus­prägung generell nur negative oder auch positive Auswirkungen auf die Wissen­schaft haben kann. Tatsächlich ist es auf den ersten Blick schwierig, et­was Positives an dieser Praxis zu sehen. Zumindest tragen das Bekanntwerden von Extremfällen wie den Raubverlagen dazu dabei, die Aufmerksamkeit auf das Pro­blem zu lenken und eine bessere Auseinandersetzung mit Fake zu ermög­lichen. Inzwischen existiert eine große Zahl von Internetseiten, darunter thinkchecksubmit.org oder predatoryjournals.com, die mutmaßliche Raubverlage auflisten und erklä­ren, wie man sie am besten erkennt. Ob es in Zukunft zu einer Entspannung im Wissenschaftsbetrieb kommen wird, ist schwierig zu beant­worten. Die Grundlagen dafür sind immerhin gelegt.

Der Text stellt eine gekürzte und teilweise bearbeitete Version einer Arbeit dar, die ich im Rahmen einer Studium generale-Veranstaltung im WiSe 2018/19 verfasst habe.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur

Bohannon, John: Who’s Afraid of Peer Review? In: Science 342/2013, H. 6154, S. 60-65. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1126/science.342.6154.60

Deutsche Forschungsgemeinschaft (= DFG) (Hrsg.): Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Denkschrift, Memorandum, Empfehlungen der Kommission “Selbstkontrolle in der Wissenschaft”. Erg. Aufl. Weinheim 2013.

Fanelli, Daniele: Do Pressures to Publish Increase Scientists’ Bias? An Empirical Support from US States Data. In: PLoS ONE 5/2010, H. 4, S. 1-7. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0010271

Hirsch, Jorge E.: An index to quantify an individuals scientific research output. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 102/2005, H. 46, S. 16569-16572. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1073/pnas.0507655102

Lack, Elisabeth/Markschies, Christoph (Hrsg.): What the hell is quality? Qualitätsstandards in den Geisteswissenschaften. Frankfurt/M., New York 2008.

Matthies, Hildegard/Simon, Dagmar (Hrsg.): Wissenschaft unter Beobachtung. Effekte und Defekte von Evaluationen. Wiesbaden 2008 (= Leviathan. Sonderheft, Bd. 24).

Shen, Cenyu/Björk, Bo-Christer (2015): „Predatory“ open access: a longitudinal study of article volumes and market characteristics. In: BMC Medicine 13/2015, H. 120, S. 1-15. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1186/s12916-015-0469-2

Internetquellen

Eckert, Svea/Hornung, Peter (2018): Recherche „Fake Science“. Wissenschaft auf Abwegen. In: Tagesschau.de, https://www.tagesschau.de/inland/fakescience-101.html (abgerufen am 23.02.2019)

Fell, Clemens (2010): Publish or Perish und Google Scholar – ein Segen? In: Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation, http://hdl.handle.net/20.500.11780/3665 (abgerufen am 23.02.2019)

Grotelüschen, Frank (2018): Betrugsfalle Raubverleger. Wie sich junge Wissenschaftler schützen können. In: Deutschlandfunk, https://
www.deutschlandfunk.de/betrugsfalle-raubverleger-wie-sich-jungewissenschaftler. 740.de.html?dram:article_id=423540 (abgerufen am
23.02.2019)

Helmholtz-Gemeinschaft (2018): FAQs zum Thema „predatory publishing“. In: Helmholtz Open Science, https://os.helmholtz.de/open-science-in-derhelmholtz-gemeinschaft/open-access-der-goldene-weg/faqs-zum-thema-predatory-publishing (abgerufen am 23.02.2019)

Kohle, Hubertus (2011): Publish first – filter later. In: Heise, https://www.heise.de/tp/features/Publish-first-filter-later-3389165.html    (abgerufen am 23.02.2019)

Lokshin, Pavel (2014): Fake-Artikel. Wieder ließen Fachverlage Nonsens ungeprüft durchgehen. In: Zeit online, https://www.zeit.de/wissen/2014-02/wissenschaftsverlage-zufallsgenerierte-fachartikel (abgerufen am 23.02.2019)

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